Klo-Papier und Nudeln

Meta Zweifel, 02.04.2020

Meta Zweifel
Meta Zweifel

In der Vor-Corona-Zeit haben wir uns beim Jahreswechsel 2019/20 gegenseitig gute Gesundheit gewünscht. Dieser Wunsch war meist auch  Bestandteil von Geburtstagsgrüssen. Neuerdings werden eher sachliche Mail-Mitteilungen mit dem Wunsch für stabile Gesundheit und Virus-Verschonung beendet. Kann es sein, dass sich zumindest zeitweilig und lagebedingt so etwas wie ein neues Gefühl für Solidarität entwickelt?

Der Sinn für das grosse Ganze, der mit dem altmodischen Begriff

<< Gemeinwohl >> überschrieben wird, ist jedoch dann weniger stark entwickelt, wenn es um die Vorratsbeschaffung im Zeichen von Corona geht.

Reaktionen, die von Heiterkeit bis Häme reichten, löste die Mitteilung aus, dass in unserem Nachbarland Deutschland ein völkerwanderungsähnlicher Run auf Klopapier und Nudeln stattgefunden habe. Die Regale im Supermarkt warn leer gefegt, die Einkaufswagen turmhoch gefüllt – hauptsächlich mit Klo-Papier und Teigwaren. Spaghetti mit Tomatensauce aus der gehamsterten Dose, Nudeln mit Kalbfleisch-Kügelcheni aus der Dose, Penne mit Tiefkühl-Gemüse:

Ja doch, damit kann man satt werden. Was das Klo-Papier anbelangt ... Vielleicht hat man in Betracht gezogen, dass sich mit dem Toilettenpapier behelfsmässig virenabwehrende Gesichtsmasken basteln lassen? Oder hat man sich überlegt, dass das neue Virus auch Durchfall verursachen könnte? Hierzulande scheint der Run auf die

einfache oder doppellagige Version des Toilettenpapiers nicht derart ausgeprägt zu sein. Offensichtlich stürzten sich Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten im ersten Anlauf eher auf Konserven und haltbare Dauerbrot-Angebote. Möglicherweise sagten sich manche, dass  im Notfall ha immer noch Zeitungspapier...aber lassen wir das.

Über den Corona-Kaufrausch kann man, darf man witzeln – wenigstens im Moment noch. Aber man kann sich auch wundern, dass im Untergrund unserer automatisierten, technisierten und digitalisierten Welt eben immer noch Steinzeit-Emotionen eingelagert sind. Die Angst, nicht genügend Nahrung zu haben. Nicht ausreichend mit Vorräten versorgt zu sein, um zu überleben, bis endlich ein Wollnashorn, ein Auerochse  oder ein Riesenhirsch gejagt und erlegt werden würde. In unserem genetischen Gewebe stammen vermutlich immer noch einige Fäden aus jener fernen Zeit, in denen wir Jäger und Sammler waren.

Allerdings müssen wir nicht unbedingt in die tiefsten Tiefen unserer Menschheitsgeschichte hinabtauchen. Seniorinnen und Senioren vom oberen Alterssegment erinnern sich noch an die Kriegsjahre,

an Rationierungsmarken und Kargheit. Ein Ei war wertvoll, Haferflocken waren ein vielfältig verwertbares Grundnahrungsmittel, Zucker eine Delikatesse, Öl und Fett wurden in homöopathischen Dosen eingesetzt.

Eine Scheibe Brot, mit Butter bestrichen: Eine Köstlichkeit!

Inzwischen haben wir uns an Überfülle gewöhnt und wir überlegen uns angestrengt, wie wir uns einen sorgsameren Umgang mit Lebensmitteln antrainieren und von einer Food-waste-Mentalität wieder ein bisschen abrücken könnten.

Der alte Spruch << Alles hat sein Gutes >> sollte längst geschreddert werden. Eine Krise ist eine Krise ist eine Krise – und längst nicht jede Krise verbirgt unter ihrer harten, bitteren Schale den süssen Kern einer Chance. Immerhin: Der Corona-Virus zwingt uns, über die eine oder andere Verhaltensweise nachzudenken und nicht alles als Selbstverständlichkeit mit Geling-Garantie zu nutzen. Nicht mal das Klo-Papier...... Und schon gar nicht uneingeschränkte und unbelastete Bewegungsfreiheit und vielfach abgesicherte Normalität.

Bleiben Sie verschont und gesund.

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