Leben bis zum letzten Atemzug

Cäcilia Weiligmann, 06.11.2020

Cäcilia Weiligmann
Cäcilia Weiligmann

Interview mit Cäcilia Weiligmann psychoonkologische Beraterin, leitet Biographiearbeit auf anthroposophischer Basis und arbeitet seit 25 Jahren in der Klinik Arlesheim.

Der Einfachheit halber wird im Interview die männliche Form für beide Geschlechter benutzt.

Liebe Cäcilia, in deiner täglichen Arbeit hast Du viel mit Sterbenden und deren Angehörigen zu tun. Was sagst Du dazu, wenn Du den Satz hörst: «Das Sterben gehört zum Leben?
Das ist oft ein so dahin gesagter Satz, im Alltag verdrängen wir doch meistens, dass jede und jeder von uns sterben wird. Die Tatsache des Sterbens ist im Normalfall nur im Kopf vorhanden. Erst wenn es einen selber betrifft wird es zum Erlebnis, rutscht sozusagen vom Kopf in die Gefühlsebene.

Geschieht dies immer, wenn jemand unmittelbar davon betroffen ist?
Nein, das ist natürlich sehr unterschiedlich. Ich arbeite fast nur mit Krebspatienten zusammen, meine Erfahrungen beziehen sich auf Menschen, die oft einen längeren Krankheits- und Sterbeprozess durchleben müssen. Wenn man zum Beispiel eine Krebsdiagnose bekommt, kommt plötzlich die eigene Endlichkeit ins Spiel, sogar wenn das Sterben zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht angesagt ist. Bekommt der Patient eine solche Diagnose, ist er oft schockiert, darauf folgt ein Aktivismus, wo vieles gleichzeitig abläuft, wie z.B. Untersuchungen, Operationen, Therapien. Man wird aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen, ist krankgeschrieben und muss sogar häufig ins Spital. Alles um sich verändert sich. Was wirklich mit einem passiert, realisiert man häufig erst später.

Das ist ja für die Angehörigen auch eine grosse Herausforderung. Wie gehen sie damit um?
Oft meinen Angehörige, sie müssen die kranke Person trösten mit Bemerkungen wie; Du stirbst noch lange nicht, ich könnte noch vor dir durch einen Autounfall tödlich verunglücken oder durch einen Herzinfarkt sterben. Das sind lieb gemeinte Bemerkungen, aber beim falschen Adressaten. Solche Sätze sind aus dem Kopf gesprochen, erreichen den Patienten, wenn er mit seiner Sterblichkeit auf der Gefühlsebene angekommen ist, überhaupt nicht.

Ja, das ist auch verständlich, schliesslich möchte man in einer solchen Situation nicht mit nichtssagenden Floskeln abgefertigt werden. Aber wie begleitest Du denn diese Menschen?
Die Phase, in der die Patienten zu mir kommen, ist sehr unterschiedlich, irgendwann im Laufe der Behandlungen und Therapien. Meine wichtigste Aufgabe sehe ich zuerst einmal im Zuhören. Die Patienten haben bis sie zu mir kommen, meist schon viel mit ihrer Krankheit erlebt, bei mir können sie sich aussprechen, über das Erlebte berichten. Je nach Situation, wo der Patient zu diesem Zeitpunkt steht, biete ich Biografiearbeit an und/oder Gesprächstherapie.

Wissen die Patienten, wieviel Zeit ihnen noch bleibt?
Zuerst ist es mir wichtig zu erwähnen, an Krebs muss man nicht sterben. Sehr viele Menschen werden geheilt, oder können noch Jahre ein unbeschwertes Leben führen.

Aber wir konzentrieren uns hier auf die Patienten, die wirklich sterben. Die ganze Palette von Emotionen wird erlebt, Abschied nehmen, Trauer, Wut, manchmal aber sogar Freude, dass das Leiden zu Ende geht. Das Sterben ist so lebendig, individuell und unterschiedlich wie das Leben, Akzeptanz und Auflehnung können sich abwechseln, ein Hin und Her zwischen Kopf und Gefühl.

Das ist eigentlich schwer auszuhalten! Spüren denn Menschen intuitiv, wenn es dem Ende entgegengeht?
Der Mensch spürt innerlich, wann es Richtung Sterben geht. Oft will er das mit dem Kopf noch gar nicht wahrhaben. Es ist auch kein Einsehen mit dem Verstand, dass das Ende naht, sondern ein innerliches Spüren. Irgendwann spürt der Patient einfach, der Körper kann nicht mehr, ab jetzt ist Leben schwieriger als Sterben.

Dann könnte der Tod ja sogar als eine Erleichterung wahrgenommen werden?
Ja, das ist aber nicht einfach ein «Einsehen» sondern ein Fühlen. Das trägt der Betroffene aber nicht unbedingt nach aussen. Oft machen Patienten noch Pläne, möchten die Hochzeit der Enkeltochter noch erleben, noch einmal nach Griechenland oder ein bestimmtes Projekt fertigmachen. Das macht es oft schwierig für die Angehörigen. Diese Ambivalenzen zwischen Hoffen und Bangen gilt es auszuhalten. Sie verabschieden sich, und plötzlich kommt der Patient mit einem neuen Projekt, welches er noch plant. Damit umzugehen ist nicht einfach.

Ich stelle mir vor, dass das für Dich auch nicht einfach ist. Wie gehst Du damit um?
Ich frage oft direkt «ist das realistisch»? Ich bin aber auch überzeugt, solche Zukunftsträume sind nicht einfach verloren, für mich sind es Samen, die in die Welt gesetzt werden. Das kann von jemand anderem aufgenommen werden, zum Beispiel, dass ein Partner später genau diese Reise nach Griechenland macht, oder es wird in einem späteren Leben aktuell sein, das ist meine persönliche Überzeugung.

In Momenten, in denen der Patient wirklich auf seiner inneren Ebene ist, frage ich direkt «was haben sie im Inneren für ein Gefühl, geht es in Richtung Sterben»? Darauf kommt meistens die richtige Antwort, ein inneres Wissen halt. Kommt ein «nein», dann bestätige ich das auch, denn wenn es wirklich so weit ist, dann weiss er es auch.

Der Patient gibt also klare Signale, wenn es soweit ist. Was ist ab diesem Moment noch von Bedeutung?
Ich frage nach Dingen, die noch zu erledigen sind. Wünsche, die für den Patienten noch wichtig sind. Menschen, die er nochmals sehen möchte. In dieser Phase hat man das Bedürfnis, alles Unerledigte zu regeln. Wo ich kann, helfe ich, organisiere, versuche alles was für den Patienten wichtig ist zu erfassen, zur Sprache zu bringen, denn Unerledigtes behindert das Sterben.

Es ist demnach wichtig, möglichst noch aufzuräumen und Ordnung zu schaffen, ja vielleicht noch einen Streit zu bereinigen. Beziehst Du immer die Angehörigen mit ein?
Immer und während des ganzen Sterbeprozesses, sofern es der Patient und die Angehörigen wünschen. Das ist nicht immer ganz einfach rauszufinden, es braucht oft viel Fingerspitzengefühl.

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, dass man damit vorsichtig umgehen muss. Sprichst Du das dann direkt an, wenn Du feststellst, dass den Patienten noch Sorgen quälen?
Ich erlebe es häufig, dass vor allem ältere Männer sich Sorgen machen, ob ihre Frau das Leben ohne ihn meistern können. Ich frage die Patienten direkt, ob sie glauben, dass ihre Frau, ihr Mann oder ihr Sorgenkind lebenstüchtig sei und ob sie ohne den Sterbenden das Leben meistern werden. Ich frage das auch, wenn die Kinder noch klein sind. Das Kind braucht sicher Begleitung, aber der Sterbende spürt, ob das Kind es schafft. Merke ich, dass sich ein Sterbender deswegen sorgt, biete ich ihm an, dass ich mich um seine Angehörigen kümmere, dass ich sie begleiten werde, sofern die das dann auch wollen. Das muss aber nicht ich sein, das kann auch ein nahestehender Angehörige oder Freund übernehmen. Ist die Sorge um die Angehörigen geklärt, dann kann der Patient seine Verantwortung abgeben und das ist so wichtig für sein Sterben. Nur wenn er mit sich im Reinen ist, kann er gut loslassen.

Zum Schluss bleiben dann noch die Angehörigen mit ihrer Trauer zurück. Betreust Du sie dann weiter?
Selbstverständlich halte ich meine Versprechen. Ich führe Gespräche mit den Hinterbliebenen, ich kümmere mich um sie, ich schaue zum Beispiel, dass sie sich einer Trauergruppe anschliessen. Oder ich arbeite therapeutisch mit ihnen weiter.

Einmal kommt doch der Moment, wo es wirklich ums Sterben geht. Wie merkt man, dass es soweit ist?
Da kann man sich nicht einfach so festlegen. Was regelmässig oder doch häufiger vorkommt ist ein Aufflackern etwa drei Tage vorher. Da geht es dem Patienten richtig gut, er wird wieder wach, mag vielleicht sogar essen oder an die frische Luft gehen. Für eine letzte Weile ist er nochmals ganz im Leben. Das nehmen auch die Angehörigen so wahr.

Wenn dann diese letzte gute Weile im Leben vorbei ist, was folgt dann? Verläuft das eigentliche Sterben bei Allen mehr oder weniger ähnlich? Nein, das gibt es nicht. Das Sterben ist so individuell wie das Leben. Und ich lasse mich voll und ganz auf den Sterbenden ein. Gestern begleitete ich eine Patientin, die meinte: Sterben ist arbeiten, ich kann mich nicht einfach mal so aus dem Körper lösen, verstehe ich ja auch, schliesslich gehörte er über neunzig Jahre zu mir. Wie konnte ich annehmen, ich könnte da einfach mal rausrutschen. Das war jetzt die Meinung dieser Frau, aber jeder Mensch erlebt das Sterben auf seine Weise.

Wie werden die Angehörigen mit einbezogen?
Ganz eng. Sie sind ja ebenfalls betroffen. Immer sofern und in dem Umfang sie das wünschen. Bei Bedarf über den Tod hinaus.

Was geschieht, wenn der Patient/die Patientin gestorben ist?
Zuerst bekommen die Angehörigen die Zeit, die sie unmittelbar nach dem Tod mit dem Verstorbenen brauchen. Danach versorgen die Pflegenden den Leichnam, ziehen ihm die Kleider an, die gewünscht wurden. Das Zimmer wird aufgeräumt, das Bett geschmückt, es wird eine feierliche Stimmung geschaffen. Wenn Angehörige mithelfen wollen, können sie dies. Alle Menschen, die den Patienten während seines Klinikaufenthaltes betreut haben, kommen ebenfalls kurz zusammen, um Abschied zu nehmen und seiner zu gedenken. Einmal im Jahr findet dann eine offizielle Feier statt, für alle verstorbenen Patienten.

Wenn der Verstorbene in der Klinik aufgebahrt wird, verbleibt er bis drei Tage in der Klinik, oder er wird überführt in seine Heimatgemeinde.

Also gehört das Sterben zum Leben?
Ja, es geht immer um das Leben, bis zum letzten Moment. Auch wenn es ganz eng wird, es geht darum auch dann das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.

Das stelle ich mir schwierig vor, wenn kaum noch etwas lebenswert ist.
Man kann sich immer fragen, was kann ich tun, was das Leben noch lebenswert macht? Einmal sicher den Tod akzeptieren. Geschieht das, dann geht ein Horizont auf. Das Leben ist plötzlich unendlich weit, wenn der Tod keine Gefahr mehr ist, sondern im Leben wirklich integriert. Dann leben wir viel voller, angstfreier und letztendlich lebenswerter. Das Sterben hat dann seinen Schrecken verloren. Ebenfalls wichtig ist, über alles reden zu können, es darf keine Tabus mehr geben. Gute Betreuung bis zum Schluss ist möglich, das bekommt man hin. Die Würde des Lebens ist Alles. Leben bis zum Ende heisst Entwicklung bis zum Schluss, das gilt auch wenn der Sterbende im Koma liegt.

Jetzt kommt sie aber noch, die grosse Frage: Und dann, was kommt danach? Da hat jeder Mensch seine persönliche Vorstellung. Für mich ist mit dem Tod das Geistige des Menschen befreit vom Körper, es geht weiter auf einer anderen Ebene. Ich bringe gerne das Bild mit einem Totenschiff aus der altägyptischen Mythologie: Das Schiff gleitet weg vom Ufer, man sieht es noch, bis es hinter dem Horizont verschwunden ist, am anderen Ufer wird es ankommen.

Sterbebegleitung sehe ich wie eine Geburtsvorbereitung in die geistige Welt.

Liebe Cäcilia, herzlichen Dank für deine Ausführungen und weiterhin viel Erfüllung und Freude mit deiner wichtigen Arbeit.

Das Interview führte Verena Lüthi, Redaktion Julia Onken Online-Magazin

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