Simone Buser: Lockruf

Simone Buser, 27.12.2019

Simone Buser
Simone Buser

Bei jeder Wegkreuzung, die meiner Berufung zum Beruf verholfen hätte, reckte sich der Spatz in meiner Hand zu mir hoch und bald darauf erlahmten meine Flügel. Die Taube auf dem Dach war wohl nur eine Fatamorgana, ein Bluff des Schicksals und doch gurrte sie ihren Lockruf direkt unter meine Schale, wo er als Hirngespinst über Jahre zwischen meinen Synapsen herumspuckte. Zusammen mit all den hartnäckigen «Wenn und Abers», nistete es sich in meinen Trott, in die Slowfox- und Foxtrottdrehungen im «kauffraulichen Sachbearbeitertum». Aber mein Herz brannte für den Sozialberuf, den Rock ‘n’ Roll eben.

Das Gespinst entwickelte sich zum Gespenst, das mich immer wieder aufschreckte und so geisterte ich nächtelang durchs Netz und suchte den Quereinstieg. Obwohl der Schuh drückte, die Zehen sich nie ganz ausstreckten, eine Blösse will man sich auf fremdem Parkett nicht geben. Zudem könnten die ausfliegenden Küken am Nestrand kleben bleiben und manchmal stand auch die ganze Familie auf dem Kopf.

Die Gelegenheiten überzeugten nicht und zogen am Schneckenhaus vorbei. Die Fühler waren nur noch halb ausgestreckt. Und dann, wenige Tage vor dem Sechzigsten, schüttete die Gunst der Stunde ihren Segen nochmals über mir aus: Eine Stelle in der sozialpädagogischen Betreuung mit der Option zur Professionalisierung an der Höheren Fachschule. Eine alte Bekannte, zufällig getroffen, bahnte mir den Weg, rührte vor Ort die Werbetrommel für mich.

Diesmal frisiere ich mutig die Zeit bis zur Pensionierung, trotze den Krähenfüssen und den schweren Beinen, lasse mir vom Orthopäden Einlagen verpassen und übe mich in den neuen Schrittfolgen.

Den Schwarzmalern kleckse ich frech weisse Farbe ins Gesicht. Bei den ersten übermütigen Sprüngen liege ich vielleicht mal am Boden. Aber das Aufstehen fühlt sich an, wie wenn es den steifgefrorenen Fingern schliesslich gelingt, den Schlüssel im Schloss zu drehen und sich wohlige Sofawärme in die Kälte mischt.

Vielleicht bin ich kein Überflieger mehr, aber für eine Doppelgrätsche langt es allemal noch. Von den Gipfelstürmerfrauen, die nicht schon vor dem Fall den Schongang einlegten, sammle ich Autogrammkarten und tanze endlich Rock ‘n’ Roll.

Nachwort: Rosemarie Achenbach, Jahrgang 1924, brach wegen der Heirat mit einem Pastor nach einem Jahr ihr Studium ab und nahm es 60 Jahre später wieder auf. Damals hiess es Überleben statt Studieren. Mit 84 Jahren schloss sie an der Uni Siegen ihr Magisterstudium in Philosophie ab und heute mit über 90 nimmt sie regelmässig an Lehrveranstaltungen teil und schreibt an ihrer Doktorarbeit zum Thema «Tod».

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