Mein Entschluss steht fest.

Béatrice Stössel, 06.08.2020

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Ja, ob Sie es glauben oder nicht, ich leiste mir
Eine Putzfrau - Eine Wäscherin - Eine Bügelfee - Eine Hundesitterin obwohl ich gar keinen Hund besitze! Jetzt ist sie verrückt, denken Sie? Ein Snob? Wer kann sich das alles leisten? Etwa DIE?

All diese Haushaltshilfen und guten Geister stehen ab sofort in meinen Diensten. Und wissen Sie weshalb? Weil ich diese ätzenden Telefonanrufe nicht mehr will. Ja genau...! die mit dem nervigen Anfangssatz: Guten Tag, bin ich mit Frau Stössel persönlich verbunden? So ich mit einem bekennenden JA antworte, ist die Schlacht schon verloren. Auf dem Fusse folgen: Einmalig günstige, sensationell tolle, zeitlich befristete oder auch nicht befristete Angebote für Tageszeitungen, Illustrierte, Bücher, optimale Versicherungsangebote, beste Offerten für Krankenkassen, lukrativste Anlagestrategien und der Kuckuck weiss was sonst noch.

Die Fragesteller/Innen am anderen Ende des Drahtes gehen nach einer genau vorgeschriebenen Reihenfolge vor. Sie sitzen vor einem Bildschirm der sie durch den Fragenkatalog führt. Je nach Antwort der angerufenen Person, setzen sie im System ein Häkchen und automatisch erscheint im Display die nächste „verfängliche Frage“, mit welcher sie den potentiellen Kunden umgarnen wie eine Würgeschlange.

Wieso ich das weiss? Weil ich - damals noch Personalvermittlerin - so ein Callcenter vorgeführt bekam. Mir wurden die Arbeitsbedingungen, die Abläufe, die ausgeklügelten Fragestellungen erklärt. Es ist ein Anrufmarathon den die Callcenter Leute absolvieren müssen und grenzt an moderne Sklaverei. 

Meine Aufgabe war die Suche nach  entsprechenden „Profilen“, lies: Menschen für diese Arbeit zu finden. Und glauben Sie mir, dieser Job ist kein Honiglecken. Schichtdienst, nach drei Stunden Pinkelpause möglich. Danach im telefonischen Stechschritt wieder an die Arbeit. Potentielle Klienten für ein Produkt werden immer wieder angerufen, bis sie in Echtzeit an der Strippe hängen. Wobei die Agenten nicht selbst wählen, das erledigt zuverlässig der Computer vor ihrer Nase. Etwas Komfort darf ja sein und das alles unter dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. 

Die armen Callcenter Agenten müssen einiges über sich ergehen lassen. Die sich belästigt fühlenden Angerufenen schreien sie an, wünschen sie ins Pfefferland oder verlangen den Chef zu sprechen, der natürlich in dem Moment zufälligerweise gerade nicht erreichbar ist, um sich an höherer Stelle zu beschweren. Dabei müssen diese Agenten gelassen bleiben, ruhig und kompetent antworten und sich zum Schluss freundlich verabschieden. In diesem Job lernen sie die Menschen am anderen Ende der Verbindung von ihrer ungeschminkten Seite kennen! Das kann ich Ihnen versichern.

Ich selbst hatte vor Jahren einen Einsatz in Sachen Telefonmarketing. Mein Auftraggeber war ein Büromöbel Design Center und ich sollte den Bauherrn und den zuständigen Architekten gleichzeitig für einen Besuch in der Ausstellung gewinnen, damit die Möblierung der zukünftigen Räumlichkeiten ins Baukonzept mitaufgenommen werden konnte. Das war vielleicht ein Knochenjob! Der Bauherr verwies mich an den Architekten und der schickte mich wieder zurück zum Bauherrn. Dieser „Pingpong“ galt es zu durchbrechen und gelang meistens indem ich als erstes den Bauherrn verpflichten konnte. Der Architekt spurte knurrend, war er doch von seinem Brötchengeber abhängig. In Spitzenzeiten schaffte ich pro Woche zwei solcher gemeinsamen Termine in der Büromöbelausstellung.

Doch genug des Eigenlobs. Ich will Ihnen erklären, weshalb ich mir Personal leiste. So wie ich von einer mir unbekannten Nummer angerufen und gefragt werde: Bin ich mit Frau Stössel persönlich verbunden, stelle ich mich dumm und frage: Worum handelt es sich. Und schon plappern die Callcenter Menschen auf mich ein mit ihren Argumenten für ... ! 

Ich unterbreche deren Redefluss mit der Mitteilung: Ich bin nicht Frau Stössel, nur die Putzfrau, wahlweise die Wäscherin oder Bügelfee und sehr effizient die Hundesitterin, welche gerade vor Ort ist. Auf die Frage: Wann ist Frau Stössel wieder erreichbar, kann ich bedauerlicherweise keine Auskunft geben. Hilfreich ist fehlerhaft Deutsch zu sprechen, denn so lässt man mich ganz schnell von der Angel. 

Und was folgt danach? 
Ich verrate es Ihnen: Ich speichere die Nummer mit dem Vermerk WERBUNG im Telefon. Wenn es wieder klingelt und auf dem Display WERBUNG zu lesen ist, lasse  ich es fröhlich bimmeln. Sobald der Anrufer aufgefordert wird Name und Telefonnummer zu hinterlassen, ist der Spuk vorbei. Pech für die armen Callcenter Leute. Ich hingegen geniesse meine Ruhe und freue mich diebisch niemandem auf den Leim gegangen zu sein! Probieren Sie es aus, es funktioniert bestens. Es grüsst Sie herzlich – die Putzfrau, die Wäscherin, die Bügelfee und Hundesitterin von

Béatrice Stössel

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