Mein Vater, der Eisvogel

Zora Debrunner, 01.12.2020

Zora Debrunner
Zora Debrunner

Uns blieb unser letztes Jahr verwehrt. Dein Geburtstag im Februar 2020 war das letzte Fest unter Freunden, an das ich mich erinnern kann. Ich hätte nie gedacht, dass dies dein letzter Geburtstag sein würde und du genau neun Monate später tot sein würdest.

Wie viel an gemeinsamer Zeit und lieben Worten haben wir in diesem Jahr verloren?

Es war eines der härtesten Jahre meines Lebens, dieses verdammte 2020. Alles hat sich in meinem Leben verändert. Kein Stein blieb auf dem anderen. Doch dass ausgerechnet du am Ende nicht mehr da sein würdest, habe ich nicht erwartet.

Deine Krankheit war absolut unbarmherzig und grauenvoll. Von allen Dingen im Leben war sie das, was du nie im Leben wolltest. Du wolltest nie krank und auf Hilfe angewiesen sein, nicht bei vollem Bewusstsein die Kontrolle über deinen starken, sportlichen Körper verlieren. Es waren vier Jahre Qual, Leiden und Schmerzen.

Und ich war wenig bei dir, denn unsere Abmachung war: Freiheit ist das wichtigste. Keine Quarantäne riskieren, denn du wolltest täglich raus, in den Murg-Auen-Park, deine Singvögel beobachten. Den Eisvögeln zuschauen. Noch einmal eingeschlossen in ein Zimmer, wie damals im Pflegeheim, kam für dich nicht in Frage. "Isolationshaft" hast du es genannt und du hattest wohl nicht ganz unrecht.

Rückblickend hätte ich vielleicht mutiger - oder je nach Sicht: rücksichtsloser - sein sollen. Meinem Herzen folgen, dich besuchen. Aber viel zu oft war ich müde, erschöpft, traurig oder einfach nur bestrebt danach, in den Wald zu gehen, abends zu schreiben, mir Ruhe zu gönnen.

Doch da war auch noch der Frühsommer 2019, als du mich batest, mit dir auszufahren und wir an alle für dich wichtigen Orte gefahren sind. Du hast mir sehr viel erklärt, vieles habe ich nicht auf Anhieb verstanden, aber ich habe dir zugehört. Schliesslich verstand ich, was du mir sagen wolltest. Du erzähltest mir Geschichten aus deiner RS, deiner Ehe mit meiner Mutter. Du hast quasi aufgeräumt und reinen Tisch mit dir (und mir) gemacht, derweil ich das Auto lenkte und dich dorthin fuhr, wo du es wünschtest. Irgendwann wurdest du müde und ich fuhr dich wieder nach Hause. Danach warst du seltsam zufrieden und ruhig.

Zu gerne hätte ich mit dir meinem 43. Geburtstag gefeiert. Aber dies blieb uns verwehrt, wie so vieles in diesem Jahr. Wenige Stunden vor deinem Tod sprach ich mit einer Begleitperson von dir, die dich lange Zeit zuhause betreut hat. Sie erzählte mir strahlend, dass sie bei einem Spaziergang mit dir zum ersten Mal im Leben einen Eisvogel gesehen hat. Dieses Strahlen werde ich nie vergessen.

Wenn ich dich suche, geliebter Vater, so gehe ich nicht auf den Friedhof, sondern an die Murg. Ich werde an deinem Ort sitzen und warten, bis ich die Eisvögel sehe und an dich denken, in der Hoffnung, dass du nun auch einer von ihnen geworden bist.

2Kommentare

  • Daniela Herbst-Grob
    28.12.2020 15:12 Uhr

    Liebe Zora

    Ich erlaube mir, Sie mit Ihrem Vornamen anzusprechen. Ihre Worte haben mich berührt. Berührt, weil auch ich meinen Vater verloren habe. So wie Sie ein Kraftbild des Eisvogels haben, ist es bei mir der Schmetterling. Sie haben den Schmerz des Verlustes des eigenen Vaters im Jahr 2020 erfahren. Das Jahr, welches viele Menschen mit Unsicherheiten, Ängsten, Herausforderungen aber auch Chancen prägte. Ein Jahr, welches wir nicht so schnell vergessen werden und die Welt veränderte! Jedoch einen geliebten Menschen zu verlieren, ist das Schwerste was wir Menschen zu tragen haben. So möchte ich mit diesen Worten Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen. Möge Ihnen das Bild des Eisvogels viel Kraft spenden. Ein Kraftort zu haben, sich an den geliebten Menschen zu erinnern, ihm Nahe zu sein, kann Ihnen im Trauerprozess helfen und lässt Sie bestimmt in Kontakt mit Ihrem Vater treten.

    Mein Vater habe ich mit 11 Jahren verloren. In der Zwischenzeit liegen bereits 38 Jahre zurück. Er ist immer bei mir. Ihr Vater wird ebenfalls in Ihrem Herzen verweilen, so lange Sie es möchten. Sie haben einen wunderbaren gemeinsamen Ort, der Murg-Auen-Park und das Bild des Eisvogels, welches Sie verbindet. Ich wünsche Ihnen in dieser schweren Zeit viel Kraft, den Weg nach Vorne zu richten, damit Sie das Schöne, was vor Ihnen liegt, wieder sehen können.

    Mit folgenden Worten wünsche ich Ihnen ein lichtvolles neues Jahr.

    Die Momente des Fühlens von heute, sind die Erinnerungen von morgen.

    Herzlichst, Daniela Herbst-Grob
    i.A. dipl. psychologische Beraterin FSB / Beraterin SGfB und i.A. eidg. dipl. FA Ausbildnerin

  • 28.12.2020 16:55 Uhr

    Liebe Daniela

    Sie haben mein Herz mit ihrem Kommentar sehr berührt. Sie haben so recht, wenn Sie schreiben "Die Momente des Fühlens von heute, sind die Erinnerungen von morgen." Das Fühlen beim Verlust eines Menschen ist sehr intensiv. Die Erinnerungen aber hallen nach. Sie sind es, die uns im Guten und im Schlechten begleiten.

    Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Übergang ins neue Jahr und für 2021 nur das Allerbeste

    Herzliche Grüsse

    Zora Debrunner

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