Meta Zweifel - Empörung als Volkssport?

Meta Zweifel , 26.06.2020

Meta Zweifel
Meta Zweifel

Empörung: Was für ein klangvolles Wort, wenn es mit lauter Stimme und mit genügend innerer Erregung ausgesprochen wird! 

Wer sich empört, hievt sich gleichsam empor und hebt sich ab von der Menge der Gleichgültigen oder den dumpfbackig Mittelmässigen. Die Geschichte ist voll von Persönlichkeiten, die gegen Missstände oder Ungerechtigkeiten rebellierten, die kämpften und mitsamt ihrer Empörung halfen, Zustände zu ändern oder zu verbessern.

In diesen Wochen hat sich eine mächtige Welle der Empörung das Motto "Black lives matter"  gegeben: In den USA, aber auch in Europa und ebenso auf Schweizer Strassen und Plätzen empören sich Menschen über die brutale Polizeigewalt, mit der das Leben eines Afroamerikaners im wörtlichen Sinn erstickt worden ist.

Keine Frage: Ein grässliches Ereignis und durchaus kein Einzelfall. Die Würde eines Menschen hat nichts mit seiner Hautfarbe zu tun, und Menschenverachtung – ein grausames und leidvolles Kapitel in der Menschheitsgeschichte – ist in jeder Form zu bekämpfen. Aber die ketzerische Frage sei erlaubt: Ist jeder, der sich in den grossen Zug der Empörten einreiht, mit Lärm und Trillerpfeifen, Sprechchören oder Transparenten gegen Rassismus demonstriert, selbst wirklich ganz frei von menschenverachtenden  Regungen? 

Wie begegne ich, wie begegnet man dem  lästigen dunkelhäutigen Rosenverkäufer im Restaurant, oder dem Obdachlosen, der einem beim Bahnhof anbettelt? Bekommt die aus Tunesien stammende, illegal arbeitende Reinigungsfrau genügend Wertschätzung, Versicherungsschutz und einen gerechten Lohn? Ist man in keiner Weise irritiert, wenn man im Spital von einem Arzt behandelt wird, der offensichtlich Afrikaner und des Schweizerdeutschen nicht mächtig ist?

 

Empörung mit Schoko-Guss

Vom Dichter Christian Morgenstern stammt der Satz; "Oh Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer!"  Morgenstern spricht von der Überprüfung der Motive, die uns antreiben. Was genau treibt uns also in den Zustand der Empörung und macht, dass wir uns einer Menge anschliessen, die Ihrer Empörung lautstark Ausdruck verleiht – und möglicherweise Gruppen anzieht, die ihr Bedürfnis nach Krawall, Chaos und "Bullen"- Bashing ausleben wollen? 

In allem Respekt vor ehrlicher Empörung und vor dem Einsatz für die Erniedrigten und Beleidigten: Zuweilen kann man den Eindruck gewinnen, Empörungsdemonstrationen seien zu einer Art Volksport geworden. In der Masse fühlt man sich eingemeindet und gleichzeitig dem Stand der Gutmenschen oder der Richtigdenkenden zugehörig. Endlich darf man laut sein, endlich ist das Einerlei des Alltags unterbrochen, endlich besteht die Möglichkeit, dass man in seiner Aktivität und mit  speziellen Aktionen wahrgenommen wird.

Der Volkssport Empörung verschafft sich immer neu Nahrung und immer neue Trainingseinheiten. Was als ernste Empörung gegen schreckliche Auswirkungen des Rassismus begann, ufert nun beispielsweise im Kampf gegen die flaumig weisse, mit Schokolade überzogene Süssigkeit mit dem seit Jahrzehnten gängigen Namen "Mohrenkopf" aus. 

Bin ich ein Rassist erster Klasse, wenn ich "Mohrenkopf " sage – und kämpfe ich definitiv gegen jegliche Art von Diskriminierung, wenn ich lauthals gegen die Bezeichnung  "Mohrenkopf" wettere? Vergleicht man diese Süsswaren-Kampagne mit den aktuellen Geschehnissen in Amerika kann man mit Schiller feststellen: Da treibt man mit Entsetzen Scherz. 

Bertolt Brecht schrieb einmal: "Der grosse Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein,"  Ehrliche Empörung hört da auf, wo sie beginnt, zum Sport zu werden.

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