Meta Zweifel - Und alle Fragen offen

Meta Zweifel, 30.12.2020

Meta Zweifel
Meta Zweifel

Vor Jahren wurde alt Bundesrat Adolf „Dölf“ Ogi in einem Radio-Interview gefragt, welche Eigenschaften das Amt eines Bundesrates erfordere. Ogi kam auf verschiedene Qualifikationen zu sprechen, um dann den ebenso schlichten wie schönen Satz auszusprechen: „Man muss Menschen mögen.“

Kürzlich konnte man am Schweizer Fernsehen ein Gespräch mit dem Schriftsteller Adolf Muschg mitverfolgen. Dem 86-Jährigen blieb die Frage nicht erspart, welche Fähigkeiten er in seiner letzten Lebensphase zu erhalten wünsche. Muschg sprach weder von stabiler Gesundheit, noch wünschte er sich unvermindert intensive intellektuelle Neugier. Auch von der Hoffnung auf geistige Unversehrtheit war nicht die Rede. Adolf Muschg sagte, er hoffe, ihm bleibe die Fähigkeit erhalten, „die Menschen zu mögen.“

Zu gern hätte man erfahren, was genau der Schriftsteller mit diesen paar Worten meinte. Bedeutet „Menschen mögen“ für Muschg so etwas wie Lebensantrieb? Oder vielleicht Kommunikationsfähigkeit und die Gnade. verstanden zu werden? Aber die Interviewzeit war vorbei. Der Vorhang zu und alle Fragen offen. 

Mögen SIE Menschen?
Was alles könnte die Formel „Man muss Menschen mögen“ im Alltagsleben beinhalten? Sehen wir von den Menschen ab, die zu unserem engsten Familien- oder zum innigsten Freundeskreis gehören, bleiben jene Menschen, die in immer weiteren Kreisen in irgendeiner Form mit uns in Verbindung stehen.

Zwar machen es einem zuweilen auch Menschen im Familienkreis schwer, sie zu „ mögen“, ja sie und ihre Eigenheiten und Angewohnheiten zu ertragen. Aber im Umfeld der eigenen Sippe kann doch eine Art Solidaritätsgefühl die Leitlinie vorgeben, während es im weiteren Umfeld schwieriger ist, im Umgang mit Mitmenschen unverzagt dem Prinzip Wohlwollen zu folgen.

Das Gefühl, emotionale Verantwortung zu tragen, kommt hier nicht oder nur in geringem Masse zur Geltung.

Mag ich Menschen – mögen SIE Menschen? Und – um mit dem Philosophen Richard David Precht zu sprechen – „wenn ja, wie viele?“ Weshalb mag ich den einen Menschen, während ich mich von einem anderen tunlichst fernhalte? Mag ich vor allem jene Mitmenschen, die immer meiner Meinung sind oder mir immer wieder mit Wertschätzung und Lob die Seele salben? Vielleicht könnte man den grottenalten Spruch „Sage mir, was du isst – und ich sage dir, wer du bist“ in eine neue Tonart setzen: „Sage mir, welche Menschen du magst – und ich sage dir, wer du bist.“

Das Menschenmöglich tun
Die Pandemie, die uns wohl noch lange beschäftigen wird, hat uns gezeigt, wie notwendig und gleichzeitig wie schwer es ist, Menschen zu mögen. Da gab und gibt es welche, die verständnisvoll, zuvorkommend, einfühlsam und hilfsbereit sind. Wie sollte man solche Menschen nicht mögen? Aber da sind auch viele andere, die nur um ihr eigenes Wohl besorgt sind, die mit der Angst Geschäfte machen, die Hasser und die Leugner und was da alles im Corona-Nebel an Ungutem kreucht und fleucht. In solchen Fällen ist es schwierig, Abstand zu nehmen oder laut Widerspruch zu melden, ohne respektlos und ausfallend zu werden. Wer grundsätzlich Menschen mag, fühlt sich dem mitmenschlichen Respekt verpflichtet und hält sich an Grenzen.

„Menschen mögen,“ das kann ganz schön anstrengend sein.

Schon möglich, dass der Schriftsteller Adolf Muschg unter anderem hätte sagen wollen: Unerschütterliche, verständnisvolle Zuwendung zum Mitmenschen ist eine Lebensaufgabe. Man muss versuchen, das Menschenmögliche zu tun.

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