Mit Purzelbäumen aus dem Hamsterrad

Benita Batliner, 06.08.2020

Benita Batliner
Benita Batliner

Wer würde sich eingestehen, dass er nicht immer selber denkt, sondern oft auch Fremd- oder Vorgedachtes übernimmt? Sind wir nicht alle davon überzeugt, dass die Ansichten und Meinungen, die sich in unseren Köpfen bilden, von unserer eigenen Denkleistung stammen? Aber was ist Denken eigentlich?

Es ist eine Form der Erkenntnisgewinnung, geistig tätig sein, die Fähigkeit des Erkennens und Urteilens anwenden, mit dem Verstand arbeiten, überlegen, und zwar logisch, also  folgerichtig eins und eins zusammenzählen oder verbinden und dann zu dem - eben - folgerichtigen Ergebnis kommen.

Wenn ich in die vergangenen Wochen und Monate zurückblicke und auch die gegenwärtige Situation in der Welt betrachte, fällt es mir mitunter schwer, viel von oben Beschriebenem zu erkennen, und das stimmt mich traurig. 

Können wir Menschen (oder zumindest einige von uns) tatsächlich nicht mehr selber denken? Woran mag das liegen? Sind wir zu bequem, zu vergiftet, zu abgelenkt, haben wir vernetztes Denken gänzlich verlernt? Oder ist es die Angst, die unsere Synapsen lähmt? Dass Angst die Denkprozesse im Gehirn und auch die Kreativität blockiert, dürfte allen bekannt sein, die selber schon einmal ein Black-out bei einer Prüfung erlebt haben. 

Und Angst liegt in der Luft, teilweise gefühlt so dick, dass man sie beinahe schneiden könnte. Angst ist die Nahrung, die wir mit unserer täglichen Dosis Nachrichten bekommen. Die Informationen, nach welchen wir uns richten. Angst und Denken gehen also keine fruchtbare Verbindung miteinander ein, deshalb ist es nicht ratsam, denken zu wollen, wenn wir Angst haben. Und wir sollten uns selbst auch nicht immer glauben, wenn wir die Informationen, die wir in einem Zustand der Angst in uns aufgesogen haben, nachher für unser eigenes Denken halten. Womit wir bei den Ratschlägen wären. Einen Rat soll man jemandem nicht um die Ohren schlagen, sondern wenn schon, dann liebevoll als Möglichkeit anbieten. Verschiedene Möglichkeiten, aus welchen wir wählen können oder auch nicht, je nachdem wie es uns gefällt, finde ich schön. Sie bereichern unsere Welt und die Auswahl gewährt uns eine gewisse Freiheit. Eine einzige vorgekaute Information, oder eben ein Rat, besonders, wenn er schon beinahe als Drohung daher kommt, lässt uns keine Freiheit und beleidigt unser Denkvermögen. Unser Denken ist ein Vermögen! Das sollten wir uns nicht stehlen lassen. Oder?

Wie können wir zu einer Erkenntnis gelangen, wie geistig tätig sein und erkennen und urteilen? Wir nehmen eine These, stellen ihr eine Antithese gegenüber, oder vielleicht sogar mehrere, und spielen im Kopf verschiedene Varianten durch, einmal hierhin, einmal dorthin, einmal hoch, einmal hinunter, einmal links herum, einmal rechts herum, einmal einen Purzelbaum schlagend, einmal einen Rundblick von der Mitte aus schweifen lassend, und noch ein Nebenweg hier, und durch einen unerforschten Durchgang dort. 

So haben wir die geistige Tätigkeit, indem wir unsere Gedanken bewegt haben. Auf diese Weise gelangen wir möglicherweise zu einer neuen Synthese. Darin liegt aber eine Gefahr: unser Weltbild könnte wanken, was uns möglicherweise wieder in Angst versetzt. Selber denken hat zwar durchaus seine Verlockungen und Vorzüge, aber eben auch seine Tücken.

Übrigens ist das Wort denken aus derselben Wurzel wie das Wort danken erwachsen, was am Wort Gedanke deutlich wird. Ge(h) danken! Es wäre doch schön und sehr befreiend, wenn wir zumindest einige unserer negativen, belastenden, unschönen, schwierigen, komplizierten oder nicht vorhandenen Gedanken durch einfaches Danken ersetzen würden. Und es hebt sofort die Stimmung. Ein Ratschlag? Nein, aber eine Möglichkeit.

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