Mitten im Leben

Renate Schwertel, 24.11.2021

Renate Schwertel
Renate Schwertel

Kurz nach dem 30. Geburtstag meines Sohnes bekommt er einen Brief von seiner Bank.Als seine Betreuerin und „Sekretärin“ darf ich ihn öffnen.

Sein kostenloses Jugendkonto wird auf ein kostenpflichtiges Erwachsenenkonto umgestellt. Die Bank schreibt, mein Sohn stünde jetzt mitten im Leben, er hätte Wünsche, Ziele und viele Ansprüche.

Das hat mich umgehauen, meine erste Reaktion war Abwehr, Unverständnis. Wie kann die Bank meinem Sohn so etwas schreiben, denn nichts davon stimmt, nichts davon entspricht auch nur annähernd seiner Wirklichkeit. Ein Formbrief, ich weiß. Trotzdem fahren meine Gefühle Achterbahn, bin ich hin- und hergerissen zwischen Zorn und Amüsement.

Ich habe ihn sofort vor mir gesehen, den „normalen“ jungen 30-jährigen Mann, an den dieser Brief gerichtet ist. Er hat seine Ausbildung oder Studium abgeschlossen, hat vielleicht einen festen Job, vielleicht eine Frau oder Freundin, einen Mann oder Freund, möglicherweise schon ein Kind oder mehrere. Er hat eine Wohnung eingerichtet oder gekauft, hat Freunde und ist viel unterwegs. Hat sich der Briefschreiber oder die Briefschreiberin in der Marketingabteilung der Bank den Empfänger so vorgestellt? Die erwähnten Wünsche, Ziele und viele Ansprüche würden sehr gut dazu passen. Vor allem die „vielen Ansprüche“, die die Bank sicher mit entsprechenden Kreditangeboten unterstützen würde.

Eigentlich ein unerheblicher Brief, direkt weiterzubefördern in den Papierkorb. Aber die Frage steht für mich im Raum, beschäftigt mich und lässt mich nicht los. Was bedeutet „mitten im Leben“?

Stehen auch die „mitten im Leben“, die anders sind, die so sind wie mein Sohn? So wie er oder so ähnlich? Alle die, die nicht alleine leben können und Betreuung brauchen, die keine Ausbildung haben machen können oder vielleicht gar nicht lesen und schreiben können. Und die, die so schwer geistig behindert sind, dass sie noch nie ein Wort gesprochen haben?

„Mitten im Leben?“
Auch wenn dieses Leben sehr eingeschränkt ist?
„Mitten im Leben?“
Auch wenn eine große Abhängigkeit von anderen Menschen besteht?
„Mitten im Leben?“
Auch wenn die eigenen Möglichkeiten so eingeschränkt sind, dass es kaum oder gar keinen Spielraum gibt, selbst Entscheidungen zu treffen ?

„Mitten im Leben!“
Ja natürlich, nur so ganz anders, als es der Standardbrief suggeriert. Mit anderen Facetten des Lebens und anderen Schwerpunkten, mit anderen Betonungen. Nicht schlechter, nichts besser, nur anders. Und manchmal auch noch viel mehr, nämlich „mitten im Überleben“.

Das mit den im Brief erwähnten „Wünschen, Zielen und vielen Ansprüchen“ ist schon sehr viel schwieriger.

Wenn mein Sohn seinen Kopf in meine Richtung dreht, dann ist sein Wunsch, berührt zu werden, dass ich seine Hand nehme oder ihn streichle, deutlich. Manchmal wünscht er sich, dass man ihn einfach in Ruhe lässt und er ein bisschen Musik hören kann. Formulieren kann er diese Wünsche nicht, das können wir nur erraten. Einfache Wünsche, bescheidene Wünsche und so einfach zu erfüllen. Eine Bank brauchen wir dafür nicht.

Ziele leben in der Zukunft. Es braucht eine Vorstellung von Zeit, von Vergangenheit, Gegenwart und eben auch Zukunft, um Ziele zu haben. Dafür brauchen wir Phantasie. Ziele sind Bilder, die wir malen, die wir brauchen, um uns diese Zukunft vorzustellen. Manchmal sehen wir den Weg vor uns, der uns an dieses Ziel bringt.

Ich bin ganz sicher, dass mein Sohn keine Ziele hat, er hat keine Vorstellung von Zeit und ist der einzige Mensch den ich kenne, der immer und absolut in der Gegenwart lebt. Es gibt nur das Jetzt, was vorbei ist, ist vorbei und was kommt ist vollkommen unerheblich.

Ich wollte, ich hätte auch ein bisschen von dieser Seinsweise, aber ohne die Bürde der geistigen Behinderung, sondern in voller Aufmerksamkeit, Offenheit und Klarheit. Im Hier zu leben, im Jetzt zu sein, wenn auch nur für wenige Momente, das wäre doch wirklich und wahrhaftig „mitten im Leben.“

Und die „vielen Ansprüche?“ Einen Anspruch auf was auch immer gibt es sowieso nur sehr eingeschränkt. Unsere Kinder haben Anspruch auf eine liebevolle Kindheit und Bildung, wir haben rechtliche Ansprüche auf Gehalt oder Rente. Wir haben Anspruch auf eine optimale gesundheitliche Versorgung, aber bei der Gesundheit selbst hört es schon auf. Darauf können wir keinen Anspruch geltend machen.

Wir haben keinen Anspruch auf Freundschaft oder Liebe. Wir haben keinen Anspruch auf ein langes und gesundes Leben. Das Gute, das wir bekommen, sind Geschenke. Erwartete, unverhoffte, verdiente und unverdiente Geschenke.

Das alles geht mir noch viele Tage durch den Kopf. Es war nur ein gedankenloser, alberner Serienbrief. Das Konto habe ich trotzdem gekündigt

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