Monika Marti: Auf wackeligen Füssen

Monika Marti, 25.11.2019

Monika Marti
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«Bitte mach, dass morgen jemand mit uns zum Eislaufen geht …» Ich sass auf der Bettkante und hielt den Atem an. Bis eben hielt ich meine Augen entspannt geschlossen und freute mich auf einen ruhigen Abend. Nach der Äusserung dieses Wunsches schaute ich etwas verstohlen zwischen zusammengekniffenen Lidern hervor und beobachtete meine kleine Tochter. Sie sass mit gefalteten Händen andächtig im Bett und plauderte vertrauensvoll mit dem unsichtbaren Gott. Ihre Geschwister taten es ihr gleich. Schlagartig war mir klar, wer den Wunsch an den Allmächtigen zu erfüllen hatte: Ich.

Ich erinnerte mich an meine einzige Eislauf-Episode. Sie lag viele Winter zurück und hatte Frustration hinterlassen. Meine damalige Freundin Denise hatte mich mitgenommen. Sie bewegte sich graziös und stilsicher auf dem kühlen Parkett. Ich dagegen war ziemlich unbeweglich.  Denise wollte ihrer berühmten Namensvetterin Konkurrenz machen und zeigte Disziplin und Fortschritt auf dem Eis. Sie übte die Biellmann-Pirouette wieder und wieder. Ich resignierte und bewunderte sie.

«Was meinst du, Muetti, hat Gott meinen Wunsch gehört?» Die Frage meines Mädchens riss mich zurück in die Wirklichkeit. «Aber sicher», beruhigte ich sie, küsste alle drei auf die Nasenspitze und wünschte ihnen angenehme Träume durch die Nacht. Mit meinem gemütlichen Abend hingegen war es vorbei. Angestrengtes Denken. Warum nur hatte mein Mann am Sonntag Dienst? Wäre eventuell ein Grossvater willig, als Eisläufer zu fungieren? Alles mutmassen brachte keinen Erfolg. Weit und breit liess sich niemand finden, der den Wunsch der Kinder gerne umgesetzt hätte.

Betont fröhlich weckte ich am nächsten Morgen meine Kinder und verkündete die frohe Botschaft, dass wir die Eisbahn im Nachbarsdorf aufsuchen würden. Nach ungläubigem Staunen brachen die Kinder in einen Begeisterungssturm aus und unterwegs war ihr Übermut kaum zu stoppen.  Meine spärlich gute Laune verliess mich bei der Anprobe der Schlittschuhe endgültig. Für alle passendes Schuhwerk zu finden war ein zeitaufwändiges Unterfangen und kostete Nerven. Nachdem endlich alle Bändel geschnürt waren, konnte es losgehen.

Die beiden Mädchen wagten sich mutig aufs Feld und zogen auf wackeligen Füssen von dannen. Ich beobachtete das emsige Treiben auf der Eisfläche, hörte das Zischen der Kufen und betrachtete die Furchen auf der gefrorenen Wasserfläche. «Wann fahren wir los?» drängte mein Jüngster. Bereits nach kurzer Zeit spürte ich meine Fussknöchel erstarren. Ich wagte kaum, mich zu bewegen und schlich unsicher den Abschrankungen entlang. Erleichtert sah ich, wie andere Erwachsene eine Holzfigur vor sich herschoben an der sich ihre Kleinsten festhalten konnten. Ich tappte vorwärts, schnappte nach einem Pinguin und wies meinen Sohn an, sich an den Flügeln des Tieres festzuhalten. Dann schob ich uns mit sperrigem Hüftschwung vorwärts. Von Kopf bis Fuss der Kälte ausgesetzt stand ich kurz davor, in Tränen auszubrechen. Warum nur hatte ich mir diesen Ausflug angetan? Es wäre ein Leichtes gewesen, den Kindern ein Alternativprogramm anzubieten. Selbstmitleid ergriff von mir Besitz. Ich raffte mich auf und sah mich schwungvoll auf die Flächenmitte zugleiten als mein rechter Fuss einknickte und ins Straucheln kam. Intuitiv packte ich einen vorbeifahrenden Läufer am Arm. Dieser zuckte zusammen, fasste sich wieder und stabilisierte unser beider Gleichgewicht. Peinlich. Nachdem ich wieder aufrecht stand, stotterte ich eine Entschuldigung und wäre gerne umgehend im Boden versunken. Da dies natürlich nicht geschah, hob ich mein Haupt und blickte meinem Gegenüber direkt ins Gesicht. Wie leidig. Der hilfsbereite Herr entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein Arbeitskollege meines Mannes. Seine Augen blitzten auf, als auch er mich erkannte. Ich gestand ihm meine Notlage und erzählte ihm, dass ich Denksport eindeutig bevorzugen würde. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, verschwand er schwungvoll in der Menge und ich zockelte erleichtert mit meinem Pinguin zurück in den sicheren Bereich. Kaum dort angekommen, tippte jemand mit der Hand auf meine rechte Schulter. Genervt sah ich mich um: Jonathan. Er und seine Familie würden uns nach dem Eislaufen gerne zu einem bescheidenen Abendbrot einladen, meinte er. Ich schämte mich noch immer für meine Unsicherheit und hätte die Einladung am liebsten dankend abgelehnt. Im Hinblick auf einen gemütlichen Ausklang des Nachmittags überwand ich jedoch meinen Stolz und sagte zu. Isabelle und Jonathan hiessen uns in ihrem Daheim willkommen und verwöhnten uns mit Birchermüesli und heisser Schokolade. Die Kinder vertieften sich anschliessend ins Spiel und wir Erwachsenen erzählten uns aus dem Leben. Nähe und Vertrautheit liess uns die Zeit vergessen.

Wieder zuhause fielen die Kinder glücklich ins Bett und dankten dem lieben Gott, dass ER ihren Wunsch erfüllt hat.

Amen.

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