Monika Marti - Aus der Traum?

Monika Marti, 21.03.2020

Monika Marti
Monika Marti

Eben von meiner Einkaufsschleichtour zurück versuche ich zu verstehen, was um mich herum gerade geschieht. Es gelingt mir nicht. Meine Vorstellungskraft stösst an Grenzen. Wie so manches in diesen Tagen. Mein Termin beim Coiffeur wurde abgesagt. Der Laden «gelockt»: Geschlossen. Gerade vorhin habe ich in der Apotheke ein Abgenzungsband übersehen und habe mir in der Zone der Personen «60+ und Menschen mit Risikofaktoren» Zutritt verschafft. Freundlich aber bestimmt weist mich eine Pharma-Assistentin auf mein Fehlverhalten hin. Ich rücke einige Schritte zurück, bleibe zwischen Hustensaft und Jasmintee stehen und sehe mich - ohne etwas zu sehen- um. Die Mitarbeiterin schätzt meine Lage richtig ein, kommt auf mich zu und fragt nach meinem Bedarf. Sterilium. Derweil im Lager ein selbstproduziertes Schutzmittel geholt wird, wage ich mich zur Kasse vor. Weil ich nicht mit Bargeld bezahlen soll, klaube ich die Kreditkarte hervor. «Sie haben Glück. Es ist das letzte Fläschchen», sagt die junge Frau. Etwas später kann ich im Coop-Center den Nagelklipser nicht finden. Der Alte klemmt und muss dringend ersetzt werden. Die Zurückweisung von eben offensichtlich bereits vergessen, trete ich der Ware auffüllenden Angestellten zu nahe. Bevor ich meine Frage stellen kann, weist sie mich zurecht: «Würden Sie bitte den Sicherheitsabstand respektieren?» Ich verstehe und trete zurück. Aus ordentlicher Distanz zeigt sie mit Handschuhen versehen auf das gesuchte Regal. Beim Verlassen des Ladens begegne ich einer Grossmutter mit Enkelin auf der Strasse. «Was machen die zwei denn eigentlich hier draussen», frage ich mich im Stillen und wechsle die Strassenseite.

Es gibt wohl nix und niemand mehr, der aufgrund der «ausserordentlichen Lage der Nation» nicht von den Auswirkungen der Massnahmen gegen die Verbreitung der Corona-Viren eingeschränkt wird. Ich gehöre bis anhin nicht zu den Schwerbetroffenen. Und dann doch. Meine Pläne werden laufend über den Haufen geworfen. Veranstaltungen wurden gestrichen. Ausgerechnet jetzt, als sich gerade fünf interessierte Frauen aus der Stadt zu einem Schreibnachmittag angemeldet haben. Wie stolz und freudestrahlend habe ich zu Beginn des Jahres eingenommene Kursgelder in die Kasse gelegt. Nun gilt es zu überlegen, ob ich Ausfallbeträge zurückerstatten muss. Soll. Will. Der Entscheid fällt klar aus. Obwohl die Einnahmen bereits in Schreibhefte und sonstiges Kursmaterial umgewandelt worden sind.

Es ist mir im Laufe meines Lebens zur lieben Angewohnheit geworden, mein Verhalten und meine Gedanken zu beobachten. Jahrelang habe ich mich vor dem Tod gefürchtet. Die Angst vor dem Sterben lauerte überall. Oft ohne konkrete Gefahr. Einfach, weil ich am Leben war. Dann war ich geizig. Hatte Angst, in finanziellen Belangen bald «nicht mehr Bescheid geben zu können». Und ich fühlte Panik in mir aufsteigen, wenn ich in Bewegung geriet. Nicht beim Laufen. Sondern gedankenversunken im Sofa sitzend. Die Zukunft planend. Die Welt erobernd. Im wahren Leben blieb es still.

Was ich jetzt erkenne, erzeugt in diesen Tagen der Unsicherheit Frühlingsstimmung in mir. Ich halte den Gedanken an den Tod aus. Weil ich lebe. Geld gebe ich, wenn vorhanden und wo möglich, aus. In Anbetracht der Situation frage ich mich öfters: Ist dieser Kauf eine Notwendigkeit? Und manchmal erstehe ich etwas Unnötiges, einfach, weil es mir gerade Freude bereitet. Nach der letzten Pressekonferenz des Bundesrats ereilte mich der Gedanke, mein im Aufbau stehendes Geschäft aufzugeben. Nach einjähriger Tätigkeit erwirtschafte ich noch keinen Gewinn. Die nächsten Monate werden kaum Einkünfte generieren. Mich vorwärts zu bewegen, Kurse auszuschreiben und die unsichere Zukunft zu planen macht wenig Freude und Sinn. Was also soll das Ganze? Aus der Traum?

Von wegen. Die Überlebensanteile in mir haben sich aufgemacht, mich zu ermutigen. «Resigniere nicht», sagen sie. «Glaub an dich. Vertraue dir und dem Leben. Sei achtsam und werde kreativ». Und plötzlich umfängt mich eine erstaunliche Ruhe inmitten dieser Unsicherheit. Das Erbe meines Vaters fällt mir ein. Er hat sich mit 50 selbständig gemacht, seine Talente ausgelebt und mit seinen Fähigkeiten eigenwillig und erfolgreich seinen Lebensunterhalt verdient. Er war ein schlauer und verwegener Mann. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich diese Eigenschaften in mir aufflackern und wage mich, den winzigen Flämmchen Luftzufuhr zu verschaffen. Ein Teil der väterlichen Errungenschaft hilft mir, diese Krise finanziell zu überstehen. Dafür bin ich sehr dankbar. Meinen Ausbildnerinnen der letzten Weiterbildungsjahre fällt grosse Anerkennung zu. Denen, die mich am Frauenseminar am Bodensee auf Entwertung, Selbstakzeptanz und in mir schlummernde Wahrheiten aufmerksam gemacht haben. Darauf, dass Gefühlsblockaden und Ängste, die mich plagen, nicht unbedingt hausgemacht sind, sondern von Eltern und Grosseltern erlebt und an mich weitergegeben wurden. Die ansatzweise Verarbeitung von schmerzlichen Lebensthemen zeigt nun Wirkung. Mein verletzter Lebenskern nähert sich sachte dem Boden der Realität anstelle in Gefühlsblockaden zu verfallen. Ich möchte nicht sterben. Aber wenn es geschieht, werde ich es nicht verhindern können. Verhungern werde ich nicht, weil mein Vorratsschrank ziemlich voll und in den Läden die Zufuhr von Lebensmitteln gesichert ist. Mein Geschäft kann Aufschwung gewinnen, weil in diesen Tagen existenzielle Fragen im Leben der Menschen aufgewühlt werden.

Im Wissen, dass ich mich in privilegierter Lage befinde, wünsche ich uns allen, was zu einer Bewältigung einer Krise gehört: Resilienz. Diese innere Widerstandskraft setzt sich zusammen aus Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientiertheit, Selbstmanagement, Verantwortung, Netzwerkpflege und Zukunftsorientierung.

Möge sich die Umsetzung und Pflege dieser Fähigkeiten unterstützend auf unser Wohlbefinden auswirken.

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