Das kann ja heiter werden!

Monika Marti, 04.03.2020

Monika Marti
Monika Marti

Der Mensch teilt sein Leben in Drittel ein. Das erste Drittel seiner Lebenszeit verbringt er bei den Eltern. Das zweite Drittel widmet er Familie und Karriere. Und im letzten Drittel seiner Tage geniesst er den Lebensabend. Weil der Mensch heute 90 Jahre alt wird, bleiben die Kinder im Vergleich zu früher wieder länger zu Hause.So vor einigen Jahren in einem Artikel gelesen. «Das kann ja heiter werden», dachte ich. Und faltete die Zeitung zusammen.  "Wann beginnt eigentlich dein Erwerbsleben?", fragte ich meinen studierenden Sohn. "Gut Ding will Weile haben", meinte er. "Ich könnte bis dahin gut und gern 35 Jahre alt werden." Mir schwante Böses.

Wie so Vieles im Leben schien der Zeitungsartikel und die Antwort meines Sohnes vergessen. Bis mein Mann und ich kürzlich mit unseren Kindern debattierten, wann Eigenständigkeit in ihrem Leben Einzug halten würde. Die Tochter feierte kürzlich den 30. Geburtstag. Selbständig und irgendwie doch von uns Eltern abhängig. Im Ausland tätig, fehlt das Geld, um in der Schweiz eine feste Bleibe zu mieten. Natürlich gibt es in der Familienwohnung genügend Raum, um einige Möbel einzustellen. Frau ist zwar nicht regelmässig anwesend. Trotzdem schränkt die Zimmerbesetzung ein. Gerade dann, wenn Besuch geladen, ist Kind auch da. Und fragt, ob ihre Gäste nach der Geburtstagsparty bei uns übernachten können. Sie würden studieren und könnten sich kein Hotelbett leisten.

Sohn ist 27 und hat vor sieben Monaten die Masterarbeit erfolgreich abgeschlossen. Er bezahlt Miete für das Zimmer, das er belegt. Die Jobsuche bewegt sich im Schneckentempo vorwärts. Wir Eltern sind indes im Eilzug unterwegs und bringen wenig Verständnis für Kriechgänge dieser Art auf. Um den Abnabelungsprozess voran zu treiben, wurde ihm sein Zimmer per Ende März gekündigt. Wohlverstanden, ich koche nicht für die jungen Erwachsenen. Ich wasche auch keine Socken und Unterhosen. Und auch sonst biete ich keine Dienstleistungen an. Ich halte mich auch gar nicht mehr oft in der Wohnung auf. Trotzdem fühle ich mich in meinem Sein gestört und eingeschränkt. Die Zeit der Wohngemeinschaft ist vorbei. Nachdem die Sache mit dem Auszugsdatum geregelt war, jauchzte die Stimme der Freiheit in mir. Leider nur für kurze Zeit.

Über die Feiertage erreichte mich die Kunde, dass meine Stiefmutter verwirrt ins neue Jahr gestartet sei. Notfallmässig suchte ich mit ihr am Berchtoldstag einen Zahnarzt auf. Sie hatte während zehn Tagen kaum feste Nahrung zu sich genommen. Aus unerklärlichen Gründen fehlte im Gebiss ein Schneidezahn. Auf die Bemerkung hin, auf den Stockzähnen hätte sich eventuell auch kauen lassen, bekundete sie: "Das ist mir nicht in den Sinn gekommen." Weil die Antwort so ausgefallen, wurde rasch möglichst ein Ferienbett in einem Altersheim organisiert. Dort weilt Mutter nun und wird aufgepäppelt. Beim Arzt wurde ein Termin vereinbart, um den Grad der Vergesslichkeit zu überprüfen. Der Test fiel positiv aus. Positiv in dem Sinne, dass Demenz festgestellt wurde. Der Arzt klärte die alte Frau über die Bedeutung des Befunds auf. Wir Jungen würden ab sofort die Verantwortung für sie tragen und entscheiden, wo wohnen in Zukunft möglich sei. Im Alter von 89 Jahren traf sie diese Nachricht hart. Mutter sass uns gegenüber auf dem Stuhl und fiel in sich zusammen. Tränen rannen lautlos über ihre Wangen, um dann, wie Regentropfen in einem Faltengebirge, langsam zu versiegen. Die neue Aufgabe, die mir und meiner Schwester ohne unsere Zustimmung übertragen wurde, traf uns wie ein Pfeil das Zentrum der Zielscheibe. Unsere Freudensprünge hielten sich in Grenzen.

Wirklich wahr, dass mein Mann zur selben Zeit mit seiner Mutter den Umzug vom Häuschen in die Alterswohnung plante. Er half auch tatkräftig mit, als es hiess, Möbel und Hausrat von A nach B zu verschieben. "Gut wohnst du bereits im Altersheim", sagte ich meiner leiblichen Mutter beim nächsten Besuch. Und heimlich beschlich mich Dankbarkeit, dass meine Pflegemutter schon vor einigen Jahren umgezogen war. Endgültig. In die ewige Heimat. Ich sage Ihnen, mit drei Müttern über 85 sind Sie reichlich bedient. Die frisch zugeteilte Rolle als Verantwortungsträgerin verlangt Einiges an Handeln ab. Reisen in Gebiete fernab vom öffentlichen Verkehr. Um den Lieblingssessel ins Altersheim zu holen, weil das darin Sitzen Heimatgefühl vermittelt. Telefonate mit dem Arzt und Altersheim, Spitex, Putzperle und Pedicure. Worte des Trostes und der Ermutigung für die Betroffenen und deren gleichaltrigen Nachbarn. Rücksprachen und Treffen mit Geschwistern.

Der gelesene Zeitungsartikel fällt mir wieder ein. 30 Jahre Wohnen zu Hause. 30 Jahre von der Pensionierung bis zum Tod. Die Generation in der Mitte ist es, die beidseitig zuhört und mitträgt. Versucht, wo Unterstützung nötig ist, auszugleichen. Viele Frauen zwischen 50 und 64 sind berufstätig. Einige davon, ich zähle mich zu ihnen, suchen in diesem Lebensabschnitt neue Erfüllung und muten sich beruflich einen Neustart zu. Trifft dann noch die frohe Kunde ein, dass bald in den Grossmutterstatus gewechselt werden darf, ist das Generationenquartett komplett.

"Alt werden ist an der Tagesordnung", meinte der Arzt bei der Demenzkontrolle". Fortschritt der Medizin", erwidere ich. "Rückschritt", kontert er.

Inmitten dieser Familienkonstellation hat mich kurzzeitig meine Vitalität verlassen. "Mein Leben ist mir abhandengekommen", liess ich Mitleid erregend all jene wissen, die sich nach meinem Befinden erkundigten. Nur gut, dass dieser moralische Tiefpunkt von kurzer Dauer war.

Das Telefon klingelt. Ich hebe ab. "Grüss dich, Liebes. Ich möchte fernsehen und kann das Gerät nicht einschalten. Kannst du mir bitte sagen, welche Taste ich auf welcher Fernbedienung drücken muss?"

Lang lang lebe die Familie.

 

 

 

 

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