Morgennebel

Elisabeth Büchel, 22.06.2019

Elisabeth Büchel
Elisabeth Büchel

Warum erfüllt mich das frühe Vogelgezwitscher nicht mit Freude, mein Bettzeug ist nassgeschwitzt, aber ich ziehe die Decke bis an die Ohren, mag nicht aufstehen, eine Stunde noch, bitte, Schlaf. Ich muss noch nicht, ich kann noch nicht raus in den Tag. Ich mag die erste Stufe dieser endlos scheinenden Leiter alltäglicher Pflichten noch nicht besteigen. Unter mir wird sich ein Abgrund auftun und über mir sehe ich kein Ende, keine Bestimmung, sie verschwindet im Nebel der morgendlichen Schleierwolken, und ich klammere mich an die Sprossen, nur so spüre ich, dass ich Hände habe, einen Körper, dass ich bin. Was kann ich tun, damit sich die Splitter in meiner Haut nicht entzünden, die Verletzungen meine Hände nicht lähmen. Denn wenn ich loslasse, werde ich fallen. Es ist Frühling und ich bin in Trauer, die Sonne zeichnet einen Goldschimmer über den Bergkamm auf der gegenüberliegenden Talseite, doch mein Herz schwelgt im Kummer, der am Grund meiner Seele hängt wie der frühe Bodennebel.

Was ist los mit mir, reiss´ dich zusammen, ermahne ich mich, hör´ auf mit diesem diffusen Selbstmitleid, es ist alles gut, du bist gesund, du hast eine Arbeit, die dich erfüllt, du hast eine Familie, sammle deine Kräfte, bündle sie, geh hinaus in den Tag, liebe dein Leben. Aber da liegt eine Hülle, klebrigheiss zwischen den Laken und weiss nicht, was das sein soll, ihr Leben. 

Bist du schon wach, fragt mich eine liebevolle Stimme, vertraut seit Jahren, vertraut wie der Mann, dem sie gehört. Frierst du, soll ich das Fenster schliessen, fragt er. Gerne, antworte ich und drehe mich weg, damit er meine Tränen nicht sieht, damit er nicht fragt, was ist los mit dir, denn ich weiss es nicht, und ich will mich nicht seiner Ratlosigkeit ausliefern, weil ich mich vor dem distanzierten Groll fürchte, den sein Unbehagen vielleicht auslöst.

Was denkst du, fragt er. Ich denke an Puppenkleider, aber wie soll ich ihm das sagen, welche Bedeutung Puppenkleider haben, vor zwanzig Jahren gestrickt, an einem hellen Montagmorgen? Ich wollte sie waschen und den vier Puppenkindern, die ich für meine Kinder genäht habe, wieder überziehen, nachdem ich sie ausgebessert und neu frisiert habe. Aber die kleinen Pullover, Kleidchen und Unterhosen sind beim Waschgang allesamt zerrissen und verfilzt, und ich habe sie glattgestrichen und zum Trocknen aufgehängt, nur um sie mit meinen Tränen wieder zu benetzen. Wo sind die Kinder, die damit gespielt haben, sie mit ins Bett und in den Garten genommen, tausendmal an und ausgezogen haben, ihnen Geheimnisse anvertraut haben? Was war das für eine Frau, die Puppenunterhosen gestrickt hat, kleine wollwarme Unterhosen mit Gummizug. Sie muss so voller Liebe gewesen sein, tatkräftig, fürsorglich. Und mit einem Waschgang wollte sie alle Schatten, alle Fehler reinwaschen und anknüpfen an eine längst vergangene Zeit der Geborgenheit und der Gewissheit einer unendlich wichtigen Bestimmung. Aber die Fäden sind gerissen, die Nähte gebrochen, die Maschen verfilzt. Sie liegen unter meinem Kopfkissen, das ich in wenigen Augenblicken aufschüttle. Ich drücke die Filzknäuel an meine Brust und plötzlich verspüre ich eine zarte Verbundenheit und tiefe Zuneigung zu der jungen strickenden Frau. Sie ist mir fremd geworden, weit weg im Schlummer einer anderen Zeit und doch nah wie eine alte Freundin.

Steh´ auf und trink´ Kaffee mit mir, fordert mich die vertraute Stimme auf. Und mit einem Ruck steht die endlose Leiter auf festem Boden und wird durch die Kraft dieser Worte gesichert.

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