Nahtod-Erfahrungen - gibt es sie wirklich?

Verena Lüthi, 21.09.2022

Eckart Ruschmann
Eckart Ruschmann

Ich denke, ein solches Erlebnis kann den betroffenen Menschen schon richtig erschüttern. Vermutlich fragt man sich danach, ob man geträumt hat, oder ob einem Halluzinationen -vielleicht verursacht durch ein Medikament – einen Streich spielten. Lieber Eckart, gibt es aus wissenschaftlich-philosophischer Sicht Nahtoderfahrungen?

Interessanterweise wird die Frage, ob es sich bei einer Nahtod-Erfahrung um eine Art Traum oder eine Halluzination gehandelt hat, von den Betreffenden selbst so gut wie nie gestellt. Im Gegenteil – sie äußern vielfach, dieses Erlebnis sei um ein Vielfaches ‘wirklicher’ als alle sonstigen Erfahrungen, und manche betonen explizit den großen Unterschied zu Träumen. Erstaunlich ist auch die Klarheit der Erinnerung daran, auch noch nach Jahrzehnten.

Insofern kann kein Zweifel daran bestehen, dass es Nahtod-Erfahrungen gibt. Es sind existentielle Erfahrungen, die zu Recht auch als «spirituelle Transformationserfahrungen» bezeichnet werden.

Die Betrachtung aus wissenschaftlicher / philosophischer Perspektive ist etwas völlig anderes und versucht, Erklärungszusammenhänge für diese Phänomene zu finden, sie also in einen theoretischen Kontext zu stellen. Wie das geschieht, hängt wesentlich vom weltanschaulichen Hintergrund der Betreffenden ab und kann deshalb extrem unterschiedlich ausfallen.

Wo ‘entstehen’ denn solche Erfahrungsbilder, im Gehirn, im Bewusstsein oder macht sich da die Seele bemerkbar?

Wenn jemand die Erfahrung eines Sonnenuntergangs am Meer macht und er/sie ist tief ergriffen von der Schönheit dieses Vorganges, von den wunderbaren Farben und den Klängen der rauschenden Wellen – wo ‘entstehen’ diese Phänomene? Es sind Erfahrungsbilder. Gibt es die Farben, die gesehen werden, die Klänge, die gehört werden? Und was ist die Empfindung der Ergriffenheit? Entsteht das alles nur im Gehirn der erlebenden Person?

Für die Erlebenden selbst ist diese Frage in Bezug auf eine Nahtod-Erfahrung relativ leicht zu beantworten – sie haben den Eindruck, mit einer geistigen, spirituellen, transzendenten Dimension in Berührung gekommen zu sein. Dass die Bilder, die sie sehen, sehr persönlich sind und keine ‘objektive’ Bedeutung haben, ist ihnen oft deutlich bewusst. Aber wie kommt es, dass die meisten betonen, nun keine Angst mehr vor dem Tod zu haben, weil sie mit einer Qualität von Licht und Liebe in Berührung gekommen sind, von der sie ganz persönlich aufgenommen wurden? Der einzige angemessene wissenschaftliche Zugang zu diesen Dimensionen besteht darin, Menschen zu befragen, die solche Erfahrungen hatten. Die Untersuchung der Prozesse, die dabei im Gehirn stattfinden bzw. eben auch fehlen (etwa bei klinischem Tod), trägt dazu nichts Wesentliches bei.

Was macht das mit den Betroffenen?

Vielfach verändert sich nach einer solche Erfahrung das Welt- und Menschenbild der Betreffenden sehr stark. Die Angst vor dem Tod verschwindet, im Gegenteil, manchmal spüren die Personen eine Sehnsucht nach dieser geistigen Dimension, in der sie sehr gerne geblieben wären. Oft ist es der deutliche Hinweis auf noch ausstehende Aufgaben hier in der Welt, der sie zur «Rückkehr» bewegt oder diese fast erzwingt.

Man hört häufig von Betroffenen, dass sie danach nicht mehr dieselben sind, wie vor dieser Erfahrung. Was löst das für Gefühle aus und wie geht man damit um?

Fast stets verändert sich der Wertebezug nach einer solchen Erfahrung deutlich – Äußeres (Erfolg, Ansehen, Materielles) verliert an Bedeutung, persönliche Beziehungen stehen an erster Stelle.

Dennoch ist der Übergang oft schwierig, der Wiedereinstieg in die Welt menschlicher Schwächen (der eigenen und denen der anderen) fällt vielen Menschen nach einer NTE schwer. Für den Partner ist die Veränderung vielfach schwer zu akzeptieren.

Ist es nicht so, dass Nahtoderfahrungen als Tatsache anerkannt sein müssten, damit überhaupt daran geforscht wird?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht so recht, was eine «Tatsache» ist – wer entscheidet das? Es würde genügen, die Nahtod-Erfahrungen als genuine, existentielle Erfahrungen anzuerkennen und ihre Erforschung und die Interpretation mit den angemessenen Methoden vorzunehmen. Die Medizin bzw. die Neurowissenschaften können dazu kaum etwas beitragen, es ist eine Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Methodik, insbesondere der (qualitativ ausgerichteten) Psychologie und der Philosophie, für den gesellschaftlichen Aspekt auch der Soziologie.

Dabei muss sehr deutlich beachtet werden, dass die weltanschaulichen Hintergrundannahmen die Interpretation wesentlich mitbestimmen. Die Theorie, dass Bewusstsein vom Gehirn «hervorgebracht» wird (von William James als «Produktionstheorie» bezeichnet), ist eine Annahme, die heute zwar dominant ist, den Bewusstseins-Phänomenen allerdings nicht wirklich gerecht wird. Die alternative Theorie ist in vieler Hinsicht wahrscheinlicher, nämlich, dass Bewusstsein auch unabhängig von einem funktionierenden Gehirn möglich ist.

Wo stehen wir da heute?

Die beiden theoretischen Ansätze stehen sich heute nach wie vor alternativ gegenüber, es hat sich seit weit über 100 Jahren kaum etwas verändert – solange wird dieser Disput schon geführt. Leider ist vielen Vertretern der «Produktionstheorie» nicht bewusst, dass ihre Annahme eine Theorie ist – sie verwechseln Konzept und Wirklichkeit. Wir haben keinen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit, all unser «Wissen» basiert auf Annahmen, die stets in weltanschaulichen Hintergrundannahmen begründet sind.

Ich kann mir vorstellen, dass Menschen mit Nahtoderlebnissen sich vor allem wünschen, dass sie ernst genommen werden. Je mehr man offen darüber reden kann, umso weiter kommt auch die Forschung, ist das so?

Dieser Prozess hat glücklicherweise in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Dynamik erlangt – die Nahtoderfahrungen sind inzwischen allgemein bekannt und werden vielfältig diskutiert. Insofern kommt es nur noch selten vor, dass jemand – z.B. nach dem Erwachen aus dem Koma oder der Narkose – beim Versuch, etwas von dem Erlebten mitzuteilen, sozusagen «abgewürgt» wird. Raymond Moody, der als Erster eine größere Öffentlichkeit für diese Phänomene interessiert hat, berichtet davon, dass immer wieder bei Vorträgen Menschen zu ihm kamen und von einer Erfahrung erzählten, die sehr lange – oft Jahrzehnte – zurücklag, mit der Bemerkung: «Nachdem man das gleich am Anfang als Unsinn abgetan hat, habe ich zu niemandem mehr darüber gesprochen.»

Inzwischen gibt es auch Selbsthilfegruppen und Listen von geschulten Beratern, die bei dem – wie erwähnt oft schwierigen – Prozess der Verarbeitung und Integration in den Alltag nach einer solchen Erfahrung Unterstützung geben können.

Lieber Eckart, herzlichen Dank für das Gespräch, wir freuen uns, dass Du am 7. April 2023 dabei bist an unserem Kongress Nahtod-Erfahrungen.

Das Gespräch führte Verena Lüthi, Redaktion

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