Nein, Mutter, beste Freundin bist du mir nie gewesen

Benita Batliner, 28.04.2019

Benita Batliner
Benita Batliner

Mutter, wir sind einen langen Weg zusammen gegangen. Er war nicht einfach. Du hast dabei verschiedene Rollen gespielt, aber meine beste Freundin warst du nie. Es gab eine Zeit, in der ich dich als meine Vertraute sah, das heisst, ich vertraute dir damals. Das war nicht immer so und es gab viele Dinge, die ich dir nie erzählte. Du warst nicht stark genug in meinen Kinderaugen, um meine Last auch noch zu tragen. Vielmehr trug ich die deine mit. Dennoch hast du mir viel gegeben und es war stets dein Bestes, auch wenn es nicht immer gut war.

Ich schleppte mich durch Phasen der Entfremdung, der Ablehnung, der Trauer über deine emotionale Unerreichbarkeit und meine Liebe zu dir lag zerknittert irgendwo in meinem Rucksack. Oft fühlte es sich für mich an, als wärst du längst gestorben.

Dann machte ich mich auf den Weg, mich selbst zu finden. Dieser Weg führte mich auch an unsere Wurzeln, an deine und meine. Langsam begann ich zu verstehen. Ich sah dein Leben mit anderen Augen, sah dich als Frau, nicht mehr nur als Mutter. Ich sah dich als Mädchen, als Verwundete, Gekränkte, Verlassene und sah deine Stärke und deinen Mut durch deine Lebenshindernisse strahlen, so wie die Sonne ihr Licht zwischen Baumstämmen hindurchfädelt. Ich erkannte, dass dir vieles von dem, was ich dir vorgeworfen hatte, stumm oder ausgesprochen, aufgrund der Welt in der du lebtest, nicht im gleichen Umfang möglich war zu tun, wie mir in meiner Welt.

Nein, Mutter, beste Freundin bist du mir nie gewesen und du wirst es auch niemals sein. Denn du bist meine Mutter. Das ist keine Herabsetzung oder Zurückstufung. Freundin ist Freundin und Mutter ist Mutter. Beides ist kostbar auf seine Art. Ich habe dich ausgesucht, vielleicht, ich möchte es gerne glauben. Wie auch immer, trotz des oftmals holprigen Weges zu und mit dir, bin ich zutiefst dankbar und froh, dass du es bist, die meine Mutter ist. Und es ist genau richtig, so wie es ist.

Du bist nicht meine Freundin, aber gerade weil es oft so schwierig war mit uns, gerade weil du oft so entfernt von mir und von dir selber warst, hast du mich „gezwungen“ meinen Weg zu mir selbst zu gehen und mir selbst meine beste Freundin zu werden. Und je näher ich mir selbst durch all diese Sümpfe, Schlaglöcher und dunklen Täler kam, je mehr ich mir selbst zur Freundin wurde, desto näher kam ich dir und desto wohlwollender und freundschaftlicher wurde mein Verhältnis zu dir. Desto mehr Mauern sind zwischen uns gefallen und was bleibt, ist eine Mutter auf die ich stolz bin.

2Kommentare

  • 04.05.2019 07:29 Uhr

    Liebe Benita
    Du zeigst uns, dass eine Mutter - Tochter Beziehung Zeit braucht. Wunden zu heilen, Mauern fallen lassen, zu sich selbst finden. Ohne Selbstkontakt wird der Kontakt zu anderen Menschen schwierig(er) sein und bleiben.
    Lieben Dank
    Gaby

  • Fabienne M.
    20.10.2019 22:06 Uhr

    Liebe Benita,

    dein Text berührt mich gerade sehr. Vieles, was du beschreibst erkenne ich in meiner eigenen Beziehung zu meiner Mutter. Unser Verhältnis ist alles andere als einfach und es tröstet mich zu wissen, dass es auch anderen Frauen mit ihren Müttern so geht. Ich bewundere wie du dennoch anerkennen kannst, dass sie dir auch viel geben konnte und sie immer ihr Bestes gegeben hat. Dies kann ich von mir selbst noch nicht behaupten. Vielmehr bin ich noch in der Phase der Ablehnung und Trauer und oft auch Ohnmacht. Deine Worte zu lesen aber gibt mir Hoffnung und Zuversicht, so dass ich meinem eigenen inneren Prozess vertrauen kann und irgendwann den Frieden über die Beziehung zu meiner Mutter finden kann. Vielen dank für diesen ehrlichen und authentischen Text.

    Fabienne M.

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