O mein Papa war eine wunderbare Clown !

Hier den Autorennamen eingeben, 24.05.2024

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

O mein Papa war eine wunderbare Clown !
O mein Papa war eine große Kinstler !
Hoch auf die Seil,
wie war er herrlich anzuschaun !
O mein Papa war eine schöne Mann !

Der Refrain dieses Liedes (komponiert von Paul Burkhard und gesungen von Lys Assia) klingt in meinen Ohren, wenn ich an meinen Vater denke. An den Vater, der gute Laune hatte und von dem ich alles bekommen konnte, was ich mir wünschte. Dieser Papa war liebevoll, erklärte mir die Natur, pflückte mit mir Blumen auf langen Spaziergängen, nahm mich mit zum Fischen. Ich erinnere mich an einen Tag an der Thur. Er führte mich in die hohe Kunst des Angelauswerfens ein. Des geduldigen Wartens, bis ein Fisch anbiss .... und unterwies mich darin, den Fang geschickt an Land zu bringen. So es ein essbarer Fisch war, kam später auch das Töten dazu. Das Eine ging nicht ohne das Andere.

Es gab jedoch auch den anderen Vater, den Poltergeist. Einen Vater, der donnernd fluchte, wenn ihm etwas nicht passte. Einen Vater, der meine Schulfreunde aus dem Haus jagte, wenn ihm diese zu laut waren und er seine Ruhe wollte. Vater der Unberechenbare!

Wenn ich heute an ihn zurückdenke, was ich im Moment sehr oft tue, weil ich den Vorsatz fasste, eine Familienchronik zu schreiben, bin ich konfrontiert mit den vielen Facetten dieses Mannes, und es stellt sich mir immer wieder die Frage: Was vermachte er mir? Welche seiner Eigenschaften trage ich in mir? Wie förderte er mich und wo bremste er mich aus? Betrachte ich die Fotos aus meiner Kinderzeit, so ist ganz klar zu erkennen: Papa war stolz auf seine Erstgeborene. Ich war eine Vatertochter. Ich bewunderte ihn, so wie es im Lied „Oh mein Papa“ besungen wird. Erst mit der Zeit, entdeckte ich Fehler an ihm. Es war sein zwiespältiges Temperament, welches mich an seiner Grossartigkeit zweifeln liess. Wie schon erwähnt, konnte seine Stimmung sekundenschnell wechseln wie bei einem Sommergewitter. Was immer half bei Gewitterstimmung, war ein gutes Mahl. Blitzschnell zauberte Mama etwas Feines auf den Teller, und die Welt war wieder in Ordnung. War Papa bester Laune, so wurde das ebenfalls gefeiert und mit kulinarischen Köstlichkeiten angereichert. Essen schaffte bei uns Harmonie. Es ging sehr lange, bis ich das erkannte und dieses System durchbrach. Es gab und gibt andere Wege, um in Harmonie zu leben.

Mein Vater war ein gewiefter Geschäftsmann und sorgte sehr gut für uns. Sein Verhandlungsgeschick schaute ich ihm ab, und es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Geniessen, dem Leben die guten Seiten abgewinnen, war sein Credo. Ganz im Gegensatz zur Mutter, welche viel zu oft „Gespenster“ sah und sich im Voraus unnötig sorgte um Dinge, welche schlussendlich gar nie eintrafen. Wenn es also darum geht: Wie meistere ich mein Leben? Dann entscheide ich mich noch heute für den positiven Weg.

Diese Launenhaftigkeit, die mich oft kränkte, die mir Angst einflösste als Kind, war eine seiner Facetten. Nicht zu wissen, in welcher Laune Papa aufgestanden war und was mich erwartet, wenn er schlechte Stimmung hat, war belastend. Das hiess vorsichtig sein, nichts, aber auch gar nichts falsch machen. Herausspüren, was für ein Unheil drohen könnte, um es tunlichst zu umschiffen. Das war oft keine einfache Aufgabe. So lernte ich als Kind schon zu organisieren und erkenne seither nur zu gut, wenn eine Situation ins Strudeln gerät, analysiere blitzschnell das Pro und Kontra und finde eine Lösung, um Katastrophen zu verhindern. So gesehen lernte mich mein Vater in Windeseile zu organisieren und Möglichkeiten zu finden, um Konflikte zu vermeiden.
Was ich nach wie vor verachte: Wenn jemand brüllt! Für mich ist das ein Zeichen der Schwäche. War dies auch bei ihm so? Führte dies zu der Distanz zwischen uns, die ich brauchte, um mich entwickeln zu können?

Als der Ernstfall sich abzeichnete und Papa Hilfe brauchte, war ich wieder zur Stelle. Es gab ja auch diesen Vater, der mich lehrte die Natur zu achten, Pflichten zu erfüllen einerseits und das Leben in all seinen Facetten zu geniessen andererseits. Und bei Gott, Letzteres tue ich je länger, desto mehr.

Als mein Papa ins Spital eingeliefert wurde, seine Lunge hatte sich mit Wasser gefüllt, das Atmen fiel ihm schwer, merkte ich schnell, dass seine Stunde geschlagen hatte. Sein Sterbeprozess hatte begonnen. Einige Male konnte man ihm helfen und die Flüssigkeit abführen. Irgendwann war sein Herz jedoch zu schwach und schaffte es nicht mehr, weiter zu schlagen. Ich habe immer noch dieses Bild vor Augen, wie er im Bett lag, seine schönen Hände auf der Bettdecke, und er flüsterte: „Jetzt liege ich hier und muss einfach warten, bis ich sterbe!“ Ich wusste ja, das ist so. Doch ich war unfähig, ihm darauf etwas zu erwidern, zu sagen: „Danke Papa. Danke für alles, was du mich gelehrt hast!“ Das nicht gesagt zu haben, bereue ich noch heute. Papa verzeih mir ..! Und wieder erklingt in mir der Refrain des Liedes:

O mein Papa war eine wunderbare Clown !
O mein Papa war eine große Kinstler !
Hoch auf die Seil,
wie war er herrlich anzuschaun !
O mein Papa war eine schöne Mann !

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