Öfter mal Heuschrecke?

Meta Zweifel, 03.03.2020

Meta Zweifel
Meta Zweifel

Ein spannendes Thema ein hoch gebildeter Referent, der überdies,die Kunst des Erzählens perfekt beherrscht:  Das Publikum ist gekommen, um zu hören, was es mit den << 10 biblischen Plagen >> auf sich hatte. Nicht jeder, der da im Saal sitzt, ist bibelfest oder hat sich vorher noch rasch in der Moses-Geschichte kundig gemacht. Aber der grossen Spur nach erinnert man sich doch einigermassen, es geht ja auch ein bisschen um Allgemeinbildung. Das Szenario: Das Volk Israel will der Sklaverei in Ägypten entkommen. Was dem Pharao durchaus nicht gefällt, denn er braucht die ausländischen Arbeitskräfte. Zehnmal bittet eine Abordnung de israelitischen Minderheit den Machthaber um  Entlassung. Zehnmal wird sie abgewiesen. Und jedes Mal greift  Jahwe, der Gott der Zwangs-Migranten, mit rachsüchtiger Gewalt ein und bestraft den Pharao für dessen Unerbittlichkeit mit immer neuen unheilvollen Plagen.

Von diesem 10 Plagen-Programm wie etwa der giftige Rotfärbung des Lebensflusses Nil, einer Invasion von Fröschen, von grauenvollen Stechmückenschwärme, von verheerenden Heuschreckenheeren und was da sonst noch im Racherepertoire eingeplant war, wurden wohl am heftigsten die kleinen Leute gequält.  Der gottähnliche Pharao und die Seinen sassen vermutlich in Sicherheit in ihren Palästen.

Bibeltext ruft nach Verdauung

Dem Religionswissenschaftler, der das Bibeldrama vor uns Laien ausbreitet, geht es nicht um respektlose Bibelkritik – aber auch nicht um Scheuklappen-Bibeltreue. Er erklärt uns, dass wissenschaftlich nachweisbar ein Vulkanausbruch in Sizilien die klimatischen Verhältnisse im Nil-Delta beeinflusste. Die Rotfärbung des Nils hatte mit einer Algen-Pest zu tun. Und für die in der Bibelgeschichte geschilderte Abfolge von Plagen gibt es naturwissenschaftliche Erklärungen, die sich nicht widerlegen lassen.

 Während wir über den Zusammenhang zwischen Bildhaftigkeit und Nachweisbarkeit nachdenken, wird uns die Vorspeise serviert. Zu diesen religionswissenschaftlichen Vorträgen gehört nämlich sinnigerweise immer auch ein Nachtessen, das nach Möglichkeit aufs Thema Bezug nimmt. Und nun also beugen sich erstaunte Gesichter über die Vorspeisenteller: Auf einer Portion schwarzglänzendem Risotto liegen  -  gebratene Heuschrecken.

Einige Gäste schieben die gelblich-braunen Dinger angewidert beiseite, andere wiederum greifen beherzt zu. Die Heuschrecken sind eine echte Herausforderung für den Kauapparat. Die zähen Flügelteile lassen sich zwar zerkleinern, aber winzige Splitter bleiben in der Speiseröhre haften und müssen mit viel Wasser hinuntergespült werden. Das Insekt Heuschrecke, vom dem es 26.000 unterschiedliche Arten geben soll, ist nicht das, was man Gaumenfreude nennen möchte. Aber – und jetzt geht die Diskussion an den Tischen los: Die Viecher sollen extrem gute Proteinlieferanten sein, gleich wie bestimmte Mehlwürmer oder Maden.

Heuschrecken-Partikelchen haben sich hartnäckig  in den Zahnzwischenräumen festgekrallt. << Wird die Ernährung der Weltbevölkerung in Zukunft vielleicht wirklich nur noch mit << Heugümpern >> und anderen Insekten zu gewährleisten sein? >>, fragt laut eine gepflegte ältere Dame am Tisch. Die Zunge im Mund hört auf, die Zahnreihen nach Heuschrecken-Resten abzutasten. Wir sitzen in der Falle, sind beim penetrant unausweichlichen Thema Klimawandel angelangt. Bei einer der Plagen unserer Gegenwart.

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