Petra Lienhard: Es war einmal...

Petra Lienhard, 25.11.2019

Petra Lienhard
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Es war einmal ein kleiner Tannenbaum. Er hiess Frieder und wohnte am Rande eines dunklen Waldes. In diesem Tannenwald war es besonders dunkel. Das wusste auch Frieder. Menschen sah er dort nur in der kalten Jahreszeit herumstreifen. Versonnen dachte er an den Sommer. Wie dankbar er doch war, in dieser kühlen Nachbarschaft zu wohnen. Viele Wochen brannte letztes Jahr die Sonne vom blauen Himmel. Die Laubbäume litten grossen Durst. Aber jetzt, nachdem der Herbst die Hitze weggeblasen hatte, erholte sich die Natur wieder. Ganz in Gedanken versunken wünschte sich Frieder nichts sehnlicher, als dass der Winter endlich Einzug hält. Diese Jahreszeit war für ihn die spannendste. Viele Tiere suchen dann im Wald Schutz vor Kälte und Wind. Manchmal, wenn Frieder in der Kälte lange Weile hatte, lauschte er in den Forst hinein. Dann hörte er, wie sich die Tiere Geschichten von der Welt ausserhalb des Waldes erzählten. Familie Hirsch zum Beispiel musste während des Erzählens ihre sich im Flegelalter befindlichen Kinder oft ermahnen, nicht herum zu tollen. "Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr!" rief dann Vater Hirsch. Auch die riesige Hasenfamilie Rabbit wollte Geschichten erzählen, zum Beispiel von Ostern. Die Füchse waren eher wortkarg. Sie verzogen sich die meiste Zeit in ihre Höhlen. Dafür sassen Schwärme von Vögeln oft ausgelassen zwitschernd auf den dicken Tannenästen. Fliegend unterwegs zu sein bot ihnen die Möglichkeit bei den Menschen in die Fenster zu schauen. Die Erzählungen der Singvögel waren für alle die spannendsten. Frieders Äste boten genügend Platz für das fliegende Völkchen. Bei ihm liess es sich gut über das Erlebte aus Stadt und Land berichten. Der kleine Baum hörte jedes Mal aufmerksam zu, denn er liebte die ausführlichen Beschreibungen der Vögel!

Ein paar Jahre gingen ins Land. Es war kurz vor Weihnachten. Es lag kein Schnee, genau wie in all den Jahren zuvor. Und doch, etwas war anders. Ein Hauch von Frieden und Glückseligkeit lag in der Luft. Auch Frieder bemerkte die Veränderung. Er hörte jetzt sehr konzentriert zu, wenn die Vögel von den Weihnachtsvorbereitungen der Menschen berichteten. Sie schwärmten von glitzernden Tannenbäumen, die extra für den Weihnachtsabend herausgeputzt wurden. Ja, er wollte unbedingt mehr erfahren. Sein ganzer Stamm, von den Zweigen bis zu den Wurzeln, waren erfüllt von diesem Begehren.

In der Nacht zum ersten Advent, träumte Frieder von Waldarbeitern, die in den Forst kamen, um Tannenbäume zu schlagen. Sie schienen nur die einander ähnelnden Bäume abzusägen. ”Merkwürdig,” dachte Frieder, ”Ist denn die Weihnachtszeit schon so nah?” Als er am Morgen aufwachte, sah er die Vögel schon eifrig Futter suchen

In der Nacht zum zweiten Advent träumte Frieder von einem bunt beleuchteten Weihnachtsmarkt. Tannenbäume wurden an einem Verkaufsstand angeboten. Viele Leute erwarben dort für den Heiligen Abend ihren Christbaum. Eine junge Familie mit ihren beiden Kindern begutachtete gerade einen der Bäume. Schliesslich entschieden sie sich für ein sehr schönes Exemplar. Irgendwie hatte Frieder den Eindruck, dass es sich bei diesem recht ansehnlichen Tannenbaum um ihn selbst handelte. Mit einem eigenartigen Gefühl im Stamm, wachte Frieder auf.

Nachdem er seine Gedanken geordnet hatte, erzählte er dem Spatz Otto, der gerade auf einem seiner Äste sass, seinen Traum. Otto flog aufgeregt von einem Ast zum anderen. „Bist du verrückt, wenn sie dich absägen kannst du nie mehr in deinen Wald zurück!“

Frieder winkte ab, Er wollte unbedingt zu den Menschen und ein Christbaum werden. Eine Woche vor Heiligabend sah Frieder tatsächlich, und dieses Mal träumte er nicht, Arbeiter, die noch ein paar mittelgrosse Tannenbäume absägten. Aufgeregt liess Frieder seine Äste wiegen! Auf einmal drehte sich ein kleiner Junge, der zusammen mit den Männern gekommen war nach ihm um. „Da," rief der Junge, und zeigte zum Tannenbaum auf der Lichtung, "das ist ein wirklich schöner Christbaum!“ Frieder jauchzte in seinem Inneren. „Das ist eine gute Wahl,“ meinte einer der Waldarbeiter. Er sägte Frieders Stamm am Boden ab und sie nahmen ihn und die anderen Bäume mit in die Stadt. Kaum angekommen, erschien genau wie im Traum, die gleiche junge Familie auf dem Marktplatz. Sie kauften ihn, nahmen ihn mit zu sich nach Hause und stellten ihn draussen auf einen Balkon. Er erinnerte sich, Otto Spatz hatte gesagt, einen Tag vor Heiligabend, wirst du festlich geschmückt. Der Abend kam und die Eltern der beiden Kinder stellten Frieder ins Wohnzimmer und begannen ihn liebevoll zu schmücken. Ab und zu kitzelte es ein wenig unter Frieders Ästen. Aber er bemerkte es kaum, denn er war völlig hingerissen von der Pracht, die langsam sein Äusseres veränderte. Als die beiden fertig waren, schlossen sie die Weihnachtsstube. Sachte flog ein Engel ins Zimmer, mit Geschenken unter dem Arm. Frieder traute seinen Augen nicht. Sanft berührte der Engel die Zweige des Bäumchen und sprach: „Du bist etwas ganz Besonderes, lieber Frieder. Gott wird dich zu sich in den Himmel holen!“ Dann war der Engel verschwunden.

Am Heiligen Abend als sich die Tür zum Weihnachtszimmer öffnete, empfand Frieder Würde und Demut zugleich. Die Kinder öffneten neugierig ihr Geschenk, das unter dem Christbaum lag. Anschliessend sassen alle fröhlich beieinander und sangen Weihnachtslieder

Am dritten Tag des Neuen Jahres entfernte die ganze Familie vorsichtig allen Glanz von Frieders Zweigen. Behutsam, damit nicht so viele Nadeln abfielen, trugen sie Frieder zum Marktplatz. Dort lagen bereits weitere aufeinander gestapelte Bäume.

Der Abend kam. Die Menschen versammelten sich auf dem Marktplatz. Sie bildeten einen Kreis um den grossen Tannenbaumhaufen und begannen fröhlich zu singen. Ein Feuer wurde entfacht. Blitzschnell brannten die ausgetrockneten Christbäume lichterloh. Frieder verspürte einen gewaltigen Luftzug, seine verbliebenen Nadeln schwebten als winzige Funken ins Dunkel hinein. Der noch vor wenigen Tagen festlich geschmückte Christbaum Frieder, veränderte sich im lodernden Feuer zu etwas Wunderschönem. Er zerfiel in abertausende von Sternen… In diesem Moment fühlte er sich erneut würdig und demütig zugleich. Leise jauchzend, nur die Kinder konnten ihn hören, liess er sich eingehüllt im Sternenglanz gen Himmel tragen, genau wie es der Engel gesagt hatte…

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