Petra Sewing-Mestre - Den alten Zwängen entkommen

Petra Sewing-Mestre, 26.02.2021

Petra Sewing-Mestre
Petra Sewing-Mestre

Altwerden ist irgendwie immer und für jeden ein Thema – schon bei den Jungen.

Meine Tochter hat gerade ihren 20. Geburtstag gefeiert, mit zunächst etwas beklommenem Gefühl und einem Gesicht, als wäre sie schon Anfang 70 oder ihr Leben bald vorbei.

«Mama, jetzt bin ich nicht mehr jung!», lautete ihr Fazit angesichts der Torte mit den zwanzig Kerzen. Zuerst musste ich mir mein Lachen ein wenig verkneifen und dann habe ich gedacht, ich muss ihr ein paar Erkenntnisse mit auf den Weg geben, zu denen ich in meinem doch schon über 50jährigen Leben gekommen bin.

«Liebes Kind, entspanne dich, es gibt keinen Grund zur Panik! Ich bin sogar schon einige Jahrzehnte länger auf dieser Welt, bin aber in meinem Herzen genauso alt wie du oder vielleicht sogar noch jünger. Ich glaube sogar, ich habe erst jetzt den Mut, richtig jung zu sein.»

Ungläubig schaut mich das entzückende Kind an.

Ich sehe, dass ich ein bisschen weiter ausholen muss.

Was ist denn eigentlich das Schlimme am Altwerden? Körperliche Veränderungen, Falten, graue Haare und – was uns Frauen besonders erschreckende Visionen bereitet – die WECHSELJAHRE? Nein, alles das ist es nicht. Es ist die Angst davor und Angst ist eine Täuschung!

Was uns Frauen zu schaffen macht, ist das Bild vom Älterwerden, das die Gesellschaft vorgibt. Um es genau zu sagen, sind es zwei Bilder, die es hier zu betrachten gilt: Denn in unserer Gesellschaft werden ältere Männer und Frauen mit ungleichen Massstäben gemessen. Gelten Männer in höherem Alter zuweilen als interessant, weil sie über Geld, Macht und Einfluss verfügen, nimmt der Wert der Frauen so um das 40. Lebensjahr kontinuierlich ab.

Frauen kommen in die Wechseljahre, sind nicht mehr gebärfähig, die Kinder gehen aus dem Haus, ihre Fürsorge wird nicht mehr benötigt. Werbung und Medien verstärken diese Entwertung, indem sie uns vormachen, die Gesellschaft bestehe nur aus schlanken Models mit knackiger Haut, die vor allem JUNG sind. Viele Frauen lassen sich das Altsein oder – gegenteilig formuliert – das Jünger-wirken-Wollen regelrecht aufzwingen. Sie versuchen, auf vielen Wegen das Alter zu verbergen, solange es geht. Mit dieser Einstellung kann man dem Älterwerden natürlich nur gedemütigt und unsicher und eben nicht mit dem erhobenen Haupt der Lebenserfahrung begegnen!

Was ist nun die Lösung aus diesem Dilemma? Ins Gegenteil zu verfallen sicher nicht.

Wenn ich mich so umschaue, habe ich oft das Gefühl, dass man heute einfach nicht mehr in Ruhe alt werden darf. Schon allein das Wort «alt» ist vielerorts unerwünscht. Stattdessen gehören viele Menschen inzwischen dem Club der «Golden Ager» an, und die Mitglieder dieses Clubs werden einfach nicht alt!

Da gilt es, möglichst überall mitzumachen, sich sportlich zu beweisen, sich weiter zu bilden und das möglichst an der Senioren-Uni, Frauen müssen sich in knallenge Leggings zwängen, wobei es gilt, die Rentnerfarbe «Beige» möglichst zu vermeiden und last but not least – den kometenhaftesten Sex des Lebens zu haben. Ganz nach dem Motto: «Frühlingserwachen statt toter Hose».

Damit wir uns beim letzten Punkt nicht falsch verstehen: Sex ist wichtig – keine Frage – auch wenn er nicht mehr wichtig ist. Denn auch das kommt vor, wenn wir älter werden.

Und ich bin auch zutiefst davon überzeugt, das Alter oder besser gesagt, das Empfinden, alt zu sein, in erster Linie eine Sache der Einstellung und der Haltung dem Leben gegenüber ist. Und die richtige Einstellung muss jede und jeder für sich selbst finden.

Ich persönlich wünsche mir, dass ich mir die Liebe zum Leben bis ins hohe Alter erhalten kann. Was ich auf keinen Fall möchte, sind neue Zwänge in meinem Leben, jetzt wo ich den alten allmählich entkommen bin. Das bedeutet, den Mut haben, zu sich selbst zu stehen und sich auch seiner eigenen Endlichkeit bewusst zu sein – denn das macht das Leben erst so kostbar.

Alles das habe ich meiner Tochter erzählt. Ich glaube, sie hat es verstanden.

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