Probleme mit den Kindern

Bella, 15.04.2019

Lieber Kummerkasten

Meine Freundin, 80 Jahre jung und Witwe, hat ein grosses Problem. Sie befindet sich im Unreinen mit ihren Kindern. Sie lebt alleine in einer wundervoll eingerichteten Wohnung. Der erste Eindruck von dieser Wohnung vermittelt jedem Besucher, er sei in der Wohnausstellung eines exklusiven Möbelhauses. Jedes Accessoire hat seinen idealsten Platz. Beeindruckend in jeder Weise.

Beim letzten Besuch getraute ich mich kaum irgendwo Platz zu nehmen. Sie merkte meine Unsicherheit und deutete auf einen Stuhl im Esszimmer. Wir begannen zu plaudern. Ich entdeckte eine gewisse Unruhe an ihr. Immer wieder stand sie auf, entweder um einen Flecken auf einem Kommodengriff zu entfernen, den Zipfel vom Nachtvorhang gerade zu ziehen oder die Glitzer Steinchen der Tischdekoration zu ordnen. Da ich weiss, dass sie sehr genau ist in allem was sie tut, konnte ich es aushalten. Bald kamen wir zum Thema Kinder. Sie klagte mir, an der letzten Weihnacht hätten sich ihre drei Kinder selbst eingeladen. Sie wollten Weihnachten feiern mit ihrer Mutter. Daraufhin hätte sie sich natürlich an die Arbeit machen müssen, alles vorzubereiten für das Fest. Vom fünf Gänge Menü über die Geschenke bis hin zur Weihnachtsdekoration. Sie hätte sehr viel Zeit und Arbeit investieren müssen. Schliesslich sei sie immerhin schon 80 und nicht mehr so belastbar. Anscheinend aber verlief der Abend einigermassen harmonisch, denn eines ihrer Kinder bat nach 22 Uhr noch um einen Kaffee für alle.

Sie war entsetzt. Jetzt, wo sie alles schon wieder versorgt hatte und die Kaffeemaschine bereits gesäubert und abgestellt war. Das sei doch eine Zumutung, und das in ihrem Alter…

Ich war sprachlos. Für mich völlig logisch, dass die Kinder Abstand hielten. Meine Frage, was kann ich tun um ihr zu helfen? Was kann meine Freundin tun um ihren Frust gegenüber ihren Kindern abzubauen?

Liebe Grüsse Bella


3Kommentare

  • Simone Buser
    30.04.2019 21:17 Uhr

    Liebe Bella

    Schön, dass du dich für deine Freundin einsetzt. Ändern lässt sie sich wohl nicht mehr, wir alle entwickeln halt unsere Marotten und Gewohnheiten im Laufe des Lebens. Das gediegen Wohnen ist ihr wichtig und ich denke ihr gutes Recht. Zudem kann der ganze Trubel bei ihr Zuhause eine berechtigte Überforderung sein. Warum die Feste nicht bei den Jungen feiern?! Jede Partie bringt einen Salat oder Dessert mit, warme Schinkengipfel in den Ofen stecken und ein feines Glas Wein dazu trinken. Mit 80 sollte man ein bisschen verwöhnt werden und dann zeigen sich unverhofft und unerwartet versöhnliche Züge, die beide Seiten anstecken. Für den Alltag: Anstatt sich zu Hause treffen, einen Spaziergang machen und im "Kafi" einkehren.....

    Wünsche dir und eurer Freundschaft alles Gute!

    Simone

  • 05.05.2019 19:25 Uhr

    Liebe Bella
    Es heisst sich "Raum geben", "öffnen" und zuoberst auf der Liste "Schuldgefühlen die Stirn bieten". Für Dich heisst es "DA SEIN". Was heisst das? Für Deine Freundin: Ihre Rechte einzufordern, wie zum Beispiel: "Das Recht NEIN zu sagen und zwar ohne Begründung.", "Das Recht an mich gerichtete Bitten abzuschlagen." Der Freibrief also, die Selbsteinladung der Kinder zu ignorieren, sich "taub" stellen und zu entgegnen: "Herzlichen Dank für die Einladung. Ich komme gerne. Holt mich jemand ab?" Das Alter von 80 Jahren sind der beste Grund überhaupt für eine Absage. Kaffee um diese Zeit? Nein, heute nicht mehr. Ich weiss, von aussen betrachtet ist es einfacher, als wenn man mitten drin steckt.
    Die Unruhe Ihrer Freundin, alles immer an den Platz zu stellen und die Wohnung wie einen Ausstellungsraum aussehen zu lassen kann vielerlei Ursachen haben. Es ist etwas noch nicht aufgeräumt, noch nicht im reinen. Du schreibst auch: "Sie ist mit den Kindern im Unreinen." Geht es um die Weihnachtsfeier? Kaum, denn diese Art hatte sie vorher schon an sich. Du hast geschrieben, weil Du sie kennst wie sie ist, konntest Du es aushalten.
    Sie kann sich ein paar Fragen stellen und diese versuchen sich oder noch besser einem Blatt Papier anzuvertrauen. "Wie war ihre Beziehung zur eigenen Mutter? Gibt es Parallelen?", "Wie war das Wertesystem in ihrer Ursprungsfamilie? Wie in ihrer eigenen Familie?".
    Du beschreibst verschiedene Themen im Leben Deiner Freundin. Die sind nicht so einfach aufzulösen und schon gar nicht hier zu klären. Schwierig auch für Dich, weil Du keine Lösung bieten kannst. Die Lösung kann auch nur Deine Freundin finden.
    Was für Dich schlussendlich heisst: Sei einfach für sie da und sehr wichtig; nimm sie so, wie sie ist und zeige ihr damit Wertschätzung.
    Es gibt noch einen guten Weg, den Du mit ihr zusammen gehen kannst. In Deiner Umgebung gibt es sicher Angebote für Kurse wie: "Den Schuldgefühlen ein Schnippchen schlagen." oder "Die eigene Biografie erleben und verstehen." oder so ähnlich. Mach Dich schlau oder wende Dich an das FSB Sekretariat die wissen sicher, ob in Deiner Nähe Angebote vorhanden sind. Dahin kannst Du sie zum Beispiel begleiten.
    Mehr kannst Du nicht tun für sie. Für sie da sein.
    Ich hoffe, dass Dich diese Zeilen weitergebracht haben und es Dich in Deinem Tun unterstützen kann.
    Vielen Dank für Deinen offenen Brief. Wir sind auch weiterhin gerne für Dich da.
    Lieber Gruss
    Gaby

  • Manuela Kern
    18.05.2019 23:23 Uhr

    Liebe Bella

    Vielen Dank, dass du die schwierige Situation deiner Freundin mit ihren Kindern mit uns teilst. Toll, dass du sie dabei unterstützen möchtest. Ich habe den Eindruck, dass sich hinter deinen Zeilen sehr viele verschiedene Themen verstecken, dass es sich um eine komplexe Situation handelt. Auch ist mir nicht ganz klar, was du mit «im Unreinen sein» meinst. Geht es dabei nur im diese Einladung oder stecken dahinter ganz viele verschiedenen Episoden? Hat sich deine Freundin so geäussert oder hat sie sich einfach über das Verhalten ihrer Kinder ausgelassen? Die perfekte Wohnung scheint dich einzuschüchtern. Das Verhalten deiner Freundin, so wie du es beschreibst, scheint etwas zwanghaftes zu haben. Man erhält den Eindruck, sie ist eine Perfektionistin. Eine Tatsache, wie du schreibst, die du darum aushalten kannst. Können die Kinder das nicht? Bleiben sie wegen der perfekten Wohnung und dem Perfektionismus insgesamt weg?
    Ein erster Schritt könnte sein – sofern du dies nicht schon getan hast – deine Freundin zu fragen, was sie sich insgesamt wünscht? Empfindet sie auch eine Entfremdung? Wie wünscht sie sich die Beziehung zu ihren Kindern? Was möchte sie ihren Kindern sagen? Wie stellt sie sich ein ideales Weihnachten vor? Vielleicht könnt ihr gemeinsam herausfinden, was deine Freundin unternehmen kann, um die Situation zu ändern. Ich bin überzeugt, dass bereits das Nachfragen und Zuhören von dir viel Gutes bewirken kann. Auf jeden Fall wünsche ich dir viel Erfolg und ein fruchtbares Gespräch mit deiner Freundin.

    Sonniger Gruss
    Manuela

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