Rita Weibel

Rita Weibel, 29.04.2022

Rita Weibel
Rita Weibel

80 Jahre Julia  

Zu deinem 80. Geburtstag winde ich dir in Gedanken einen prachtvollen Ehrenkranz mit den Zweigen der Efeupflanze. Der Efeu (Hedera Helix), Wahrzeichen des ewigen Lebens, im antiken Griechenland Dionysos geweiht sowie heilige Pflanze der Musen: was könnte die Fülle deines kreativen und unendlich produktiven Lebens besser zum Ausdruck bringen!

Ich erinnere mich an die Vorgeschichte meiner ersten Begegnung mit dir. Es war vor mehr als 14 Jahren, als ich beim Umsteigen im Bahnhof Bern unerwarteterweise eine Freundin aus dem Wallis erblickte. Sie rief mir zu: „Hey Rita, ich gehe übermorgen an den Info-Nachmittag des Frauenseminars nach Romanshorn – komm mit!“

Sie wollte sich über die Ausbildung zur Psychologischen Beraterin FSB informieren.
Selbst seit Jahren als pädagogische Beraterin tätig, überlegte ich nicht viel und ging kurzentschlossen mit. Bei herrlichem Frühlingswetter reisten wir am 8. März 2008 vergnügt und neugierig nach Romanshorn. Begeistert von dir und deinen Lehrgängen meldeten wir uns sofort für die Ausbildung zur Psychologischen Beraterin FSB an.

Nie hätte ich gedacht, dass aus diesem ersten Impuls eine Beziehung mit dir hervorgehen würde, die bis heut währt!

Es spannte sich ein Bogen auf, der mit den Grundlagen der psychologischen Gesprächsführung begann und zehn Jahre später zum Abschluss der SVEB1-Ausbildung führte, mit noch nicht absehbarem Ende. 

Der Themenbogen begann mit dem aktiven Zuhören. Dann kamen das Reden und später das Schreiben hinzu. Die eigene Lebensgeschichte war in deinen Kursen immer zentral. Sie war sozusagen der Stamm, an dem sich die gegenwärtigen Erfahrungen mit dem Erlebten von einst wie Efeupflanzen umrankten und dem Licht der Erkenntnis zustrebten. Nach und nach kamen auf diesem Weg die ureigenen, teils verschütteten Herzensthemen wieder ins Spiel: Musik und Klavier, Pflanzen, Planeten, Weisheit der Sprache, Magie der Buchstaben und die allem zugrundeliegende geheimnisvolle Schöpferkraft.

Welches Thema auch immer ans Tageslicht kommt, liebe Julia, du bist immer Feuer und Flamme für alles Neue, willst immer noch mehr erfahren, es philosophisch und psychologisch durchdringen. Deine Neugier scheint grenzenlos zu sein! 

Dein Erkenntnisgewinn durch die Verknüpfung von deinen Themen mit deinem Wissen über die Bedeutung von Vokalen und Konsonanten, von Buchstaben und Worten ist faszinierend. Du machst dadurch so viele überraschende Facetten des Seins sichtbar, dass es einen belebt, erfrischt, erfreut und zu weiterführenden Gedanken inspiriert.

Wenn ich in diesen Tagen durch den Frühlingswald laufe und mich am üppigen Wachstum von Brennnessel und Giersch, von Knoblauchhederich und Ehrenpreis erfreue, dann kommt mir ein besonderer Tag in den Sinn, der Tag meiner Praxisdemonstration in Romanshorn zum Thema Efeu. 

Nach wie vor fasziniert mich diese Pflanze, die nicht im Frühling, sondern erst ein halbes Jahr später die Blüten entfaltet und die Insekten in grossen Schwärmen anzieht. Dafür bietet sie den Vögeln bereits im Frühling mit den dunkelblauen Beeren reichhaltige Nahrung. Unvergesslich ist für mich der Moment, als ich auf einem Mokkalöffelchen jeder Frau einen Tropfen Efeu-Tinktur an ihren Platz brachte. Noch während ich zur Vorsicht gebot, hattest du den Tropfen schon eingenommen! Die Wirkung dieses Tropfens liess nicht lange auf sich warten. Deine Risikobereitschaft finde ich bewundernswert!

Anlässlich deines 80. Geburtstages, mit der du die Oktave deiner Lebensjahrzehnte vollendest und zu einer neuen Oktave anhebst, soll die Musik im Kranz meiner Betrachtungen nicht fehlen. So frage ich mich, wo ich in der Musik die Charakteristik von Hedera Helix erkennen könnte. 

Dabei kommt mir das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach mit den 48 Präludien und Fugen in den Sinn, die sich, beginnend bei C-Dur, stufenweise alle Dur- und Moll-Tonarten erklimmen. Während die Präludien die gegebene Tonart umspielen und einen Nährboden bereiten, wird in den Fugen ein vielschichtiges musikalisches Gespräch zum Ausdruck gebracht. 

Ein Gespräch, mit Stimmen und Gegenstimmen, manchmal sich ineinander- und umeinanderschlingend, dann wieder voneinander fliehend. Vielfach modulierend, finden sich die Themen rückwärtsbewegend oder gespiegelt wieder. Ihre Aussagen sind manchmal nicht mehr auf Anhieb zu erkennen, wenn sie in doppelten oder sogar vierfachen Tonlängen eingebracht werden. Psychologie und Philosophie finden eine Fülle von Entsprechungen im bahnbrechenden Werk von Bach.

Zum Schluss denke ich an das von dir so geliebte Präludium in C-Dur aus dem 1. Band des Wohltemperierten Klaviers. Es ist das erste Stück, das den Grundpfeiler legt für das monumentale Werk. C-Dur, die Grundlage aller weiteren Entwicklung, ist die Tonart der Entschlossenheit und steht auch für den Lebensfrohsinn. Die Stelle „und es ward Licht“ in Haydns Schöpfung bricht in einem überwältigenden C-Dur herein.

In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Begeisterung in der Entfaltung deiner schöpferischen Kräfte und auch deinen beherzten Äusserungen zu den brisanten Themen des Lebens und der Gesellschaft.

Rita Weibel

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