Rückständige Diva

Eveline Keller, 07.10.2021

Eveline Keller
Eveline Keller

Ich gebs auf. Desaster hier, Fremdschämen dort. Meine Wut wandelt sich zusehends in Hoffnungslosigkeit. Wo sind die Optimisten, die jeder Krise etwas Positives abgewinnen können? Ich, für meinen Teil, bin durch mit guten Ratschlägen. Vieles läuft schief in unserem Land und die Chancen sind rar.

Da ist allem voran die Covid-Krise, die unsre Geduld auf eine harte Probe stellt. Wo man hinschaut Impfquoten, prozentualer Anteil von Infizierte, Übersterblichkeitsstatistik, ein Gesetz dagegen, eins dafür. Die Medien sind weltweit voll davon. Ich frage mich manchmal, ob es keine anderen Themen mehr gibt? Stimmt: Die Taliban sind zurück und mit ihnen ihre Gesetze aus der Steinzeit. Auch das, kein Lichtblick.

Daneben stellt der geplatzte Rahmenvertrag ein weiterer Tiefschlag dar. Nach elf Jahren hin und her, wurde in Bundesbern entschieden, die Verhandlungen zu beenden. Man wolle keine fremden Richter anerkennen. Ebenfalls aus Angst vor fremden Vögten, zu Neudeutsch ‘Aliens’ oder ‘Chips-Implantaten’ sträuben sich breite Teile der Bevölkerung sich impfen zu lassen. Wollen aber trotzdem die Schutzmassnahmen nicht einhalten. Viele sehen keine Not, denn die Schweizer haben ein hochentwickeltes Gesundheitswesen.

Doch auch da cul-de-sac. Unser Gesundheitswesen stösst an ungeahnte Grenzen. Und zu unserem Erstaunen zeigen uns die Nachbarstaaten, wie es geht. Sie haben die Nase vorn, weisen tiefe Ansteckungszahlen und hohe Impfraten aus. Sie haben ihre Chance erkannt.

Ernüchterung auch bei unserem verklärten Blick auf die hiesigen Chemie-Giganten. Die Realität zeigt, dass diese Weltkonzerne zwar gerne bei uns tiefere Steuern zahlen, aber wenn es darum geht einen Impfstoff zu erschaffen, «so sorry», krümmen sie keinen Finger. Auch wollte unser Staat nicht in die Entwicklung eines Vakzins investieren und sich nicht in die freie Marktwirtschaft einmischen. Es sind die Nachbarstaaten, die es tun und für uns den Impfstoff entwickeln.

Wir, eine Nation von Freigeistern, gebärden uns im internationalen Vergleich immer öfter als rückständige Diva. Es wäre eine Chance, mit den Herausforderungen der Pandemie zu wachsen, zusammen zustehen und gemeinsam an einer Lösung aus der Krise zu arbeiten. Stattdessen beschäftigen wir uns mit den demokratischen Prozessen und betreiben Nabelschau. Resultat: Tiefste Impfrate in Europa, Spitzenreiter bei den Ansteckungen und eine, für unser überteuertes Gesundheitswesen viel zu hohe Übersterblichkeit. Es ist zum Fremdschämen.

Als wäre es damit nicht genug, sollen wir nun der EU eine Kohäsionsmilliarde zahlen, das sind eintausenddreihundert Millionen Schweizerfranken. Dies um die hochgegangenen Wogen nach dem Beenden der RV-Verhandlungen wieder etwas zu glätten, damit uns Brüssel weiterhin gewogen bleibt. Man stelle sich vor, wie viele Hilfspakete für Ausgesteuerte, Invalidenrenten und Sozialfälle wir hiermit entrichten könnten. Wie viele Frauenrenten-Ausgleichszahlungen oder Projekte für nachhaltige Energie wir damit finanzieren könnten? Ein Traum.

Aber, wir sind keine Träumer, sondern ein Volk von Querdenkern und um diese Eigenart beibehalten zu können, sehen wir es als einzige Chance, sehr viel Geld zu zahlen.

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6Kommentare

  • Maya Brütsch
    27.10.2021 17:57 Uhr

    Ich Denke auch, das wir viel zulange gewartet haben, weil wir ja immer alles noch Abstimmen müssen. Dadurch verlieren wir an Zeit wo andere Länder bereits schon etwas unternommen haben. Aber das Positive daran ist auch, dass wir von den anderen auch Profitieren können und aus den Fehlern aber auch von den Erfolgen der anderen.

  • 01.11.2021 11:36 Uhr

    Liebe Maya
    Ich glaube auch, dass wir als Schweiz eben unseren gangbaren Weg gehen muss, wir unterscheiden uns von den umliegenden Ländern durch unsere direkte Demokratie. Das hat Vorteile, aber braucht auch viel Geduld.
    Lieben Gruss, Eveline

  • Anna Elisabeth
    03.11.2021 11:17 Uhr

    Das die augenblickliche Lage in der Schweiz sehr unbefriedigend ist, dieser Meinung bin ich auch. Aber was die Impfquote der Pandemie anbelangt, denke ich, ist die Schweiz ziemlich gut im Mittelfeld Europas dabei. Knapp 69% unserer Bevölkerung ist vollständig geimpft. In Deutschland sind es 73.3%, Österreich 69.1% England 79% und Frankreich knapp 76%. Hingegen steht Russland bei 36.5%. Gerade die Pandemie hat sich zu einer Profitmaschine entwickelt. Es geht dabei doch nur ums Geld. Was mir Sorgen macht ist die Konsumsucht der jungen Erwachsenen. Diese ewigen Proteste, was ihnen alles entgeht, zu wenig Partys, Ferien, Massenevents usw. Jeder braucht ein Handy, ein Auto, Designerklamotten usw. Dabei bleibt unsere Umwelt auf der Strecke. Der Planet wird vermüllt, verdreckt, ausgebeutet und an allem ist die ältere Generation schuld. Es macht mich sehr traurig, wenn ich die Nachrichten sehe, die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist so gross, dass sie sich in Respektlosigkeit, Verrohung oder Gleichgültigkeit entläd.

  • 05.11.2021 10:54 Uhr

    Liebe Anna
    Die Impfquoten werden in den verschiedenen Medien anders angegeben, ich hätte dazu gewünscht, dass die Schweiz eine Vorreiterrolle einnehmen würde. Trotzdem bin ich wie du besorgt über den rohen Ton, der bei Befürwortern und Gegnern der Impfung herrscht.
    Lieben Gruss, Eveline

  • Bettina Frei
    08.11.2021 16:59 Uhr

    Ich bin auch der Meinung, das wir in der Corona Debatte sehr Intolerant geworden sind. Liegt es daran, das die Schweiz bis jetzt vergleichsweise glimpflich davon gekommen ist? Für eine Afrika Reise wird eine Gelbfieberimpfung in kauf genommen. Aus Solidarität für die Gesellschaft gegen Corona nicht.
    Wir sind jetzt in der 4. Welle und so wie es aussieht werden noch folgen. Wir kommen nur gemeinsam weiter!

  • 09.11.2021 17:03 Uhr

    Liebe Bettina
    Ich hoffe fest, dass sich noch ein Teil der Zögerer überzeugen lassen und wir so irgendwann in der Zukunft die Massnahmen gelockert werden können. Doch vorläufig gehen die Ansteckungszahlen durch die Decke. Manchmal brauchen die Schweizer einfach länger, sind dann aber umso gründlicher. Wir werden sehen.
    Lieben Gruss, Eveline

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