Schamlippen, Schamhaare?

Benita Batliner, 02.10.2019

Benita Batliner
Benita Batliner

Vor ein paar Tagen war ich in Südfrankreich in einem Museum über alte Kriegswaffen (zu dessen Besuch mich nur der Regen motivierte). Es war eindrücklich. Besonders fiel mir wieder einmal auf, dass es in der Welt der Patriarchen schon immer darum ging, wer den Grössten und/oder Längsten hat. In diesem Fall waren es Gewehre, Lanzen und Federpuschel auf den Helmen. Heutzutage kommen noch die Langstreckenraketen und was weiss ich noch alles dazu.

Soll Frau darüber schmunzeln oder den Kopf schütteln? Mir persönlich vergeht dabei das Lachen wenn ich daran denke, was uns diese Haltung schon alles an Zerstörung gebracht hat. Bei dieser Verherrlichung des Phallus ist es allerhöchste Zeit, diesem Treiben Einhalt zu gebieten und dem unerlösten männlichen Prinzip das erlöste weibliche als Antwort anzubieten.

Aber ist es damit getan, dass wir Frauen jetzt unsere Vulven offen zur Schau tragen? Erlösen wir damit die noch blockierten weiblichen Energien in uns? Vielleicht ist es ein Schritt auf dem Weg dahin. Vielleicht ist es nötig, damit wir zu mehr Selbstverständnis und Selbstbewusstsein gelangen. Und damit wir endlich aufhören, uns für unser Frau-sein zu schämen.

Damit Männer und Frauen begreifen, dass es nichts am weiblichen Körper gibt, dessen wir uns schämen müssen. Und dass es höchste Zeit ist, den äusseren weiblichen Geschlechtsorganen eine neue Bezeichnung zu geben.

Schamlippen, Schamhaare? Das einzige worüber wir uns schämen sollten, ist, dass wir diese entwürdigende Bezeichnung solange toleriert haben. Deshalb finde ich es gut, dass es so mutige Frauen gibt, die die Vulva nach aussen tragen und zeigen, wie einzigartig und unterschiedlich schön Frauen auch da sind, wo sie selbst oft nicht wagen hinzusehen.

Mir als introvertierter Person liegt das Aussen weniger als das Innen, deshalb habe ich auch keine Lust, meine Vulva in Gips oder was auch immer abzubilden. Mich interessiert das, was dahinter verborgen liegt.

Vulva. Das U zieht geradezu nach Innen in die Tiefe hinein, ins Innere der Frau, wo Leben beginnt.

Vulva. Was für ein kraftvolles Wort. Es steht wie eine Wächterin vor dem sensiblen Organ mit seinen zarten Flügeln oder Lippen oder Türen? Für mich ist die Vulva ein Tor zum Mysterium des Lebens, der Weiblichkeit, die die Liebe birgt und das Mitgefühl und viele weitere wundervolle Tugenden und Fähigkeiten, die das Potenzial haben, unsere Welt in eine bessere zu wandeln. Und so wichtig und richtig es ist, erst einmal die äusseren Gegebenheiten zu erkunden, so schade fände ich es, wenn wir vor dem Tor stehenbleiben würden.

In diesem Sinne: Viva la vulva! Und lasst uns das Tor durchschreiten.

1Kommentar

  • Angie Pechlaner
    14.10.2019 21:51 Uhr

    Liebe Benita
    Dein Artikel fasziniert mich sehr und hat mich zum Nachdenken angeregt. Spannend für mich ist die Tatsache, dass ich mir bis heute noch nie Gedanken, über die die Worte „Scham“-lippen oder „Scham“-haare gemacht habe. Jetzt wo ich mich vertiefter mit diesen Worten auseinandergesetzt habe wird mir bewusst, wie unglaublich es ist, dass unser Herzstück mit „Scham“ beginnt. Und wenn man sich mit der Ursprungsgeschichte dieser degradierten Benennung auseinandersetzt, erkennt man, wie viel Elend und Leid vielen Frauen zugefügt wurde und teils immer noch wird. Es ist an der Zeit, dass wir uns für Herzstück einsetzen und für unser Lustempfinden kämpfen. Ich bin dankbar, dass ich bereits in jungen Jahren lustvoll und freudig mit meiner Vulva eine Freundschaft eingehen konnte. Eine so tiefe Verbindung, dass ich ihr mit 19 Jahren den Namen Trudi gegeben habe. Sie hat mir schon viel Schönes und Lustvolles geschenkt und mir geholfen, dass ich meine zwei gesunden Kinder auf die Welt bringen durfte. Danke mein geliebtes Trudi.
    Angie

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