Schlag nach bei Goethe!

Meta Zweifel, 25.10.2016

Jahrzehnte sind vergangen, seitdem der Philosoph José Ortega y Gasset (1883-1955) mit seiner Schrift „Um einen Goethe von innen bittend“ sowohl Literaturprofessoren als auch altgediente Gymnasiallehrer vom Fach Deutsch in Aufregung versetzte. Ortega y Gasset wetterte damals gegen eine „unfruchtbare Goethe-Frömmelei“ und gegen jene hingebungsvolle Goethe-Verehrung, die nicht den kleinsten Widerspruch duldet. Dem Spanier waren überdies Goethe-Biographien ein Gräuel: „Es sieht aus, als hätten ihre Verfasser den Auftrag erhalten, eine Statue für einen öffentlichen Platz zu schaffen.“

Mit Stefan Bollmanns Buch wäre der spanische Philosoph und  Soziologe ganz gewiss sehr einverstanden. Bollmann baut keine Statue auf, sondern holt  die vermeintlich unnahbare Geistesgrösse Goethe zurück ins pralle Leben – Goethe, den er als „Pionier des eigenen Lebens“ bezeichnet.

Der Titel des Buches lehnt sich an den Ausspruch des grossen deutschen Humoristen und Mops-Liebhabers Loriot alias Vico von Bülow an, der feststellte: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“  Ein Leben ohne Goethe ist zwar nicht sinnlos. Ein gut assortiertes Goethe-Depot im geistigen Vorratsschrank erweitert jedoch den Erkenntnishorizont des Lebens und gibt erstklassige Anleitungen zur Selbstfindung.

Wer Bollmanns Buch nach der Lektüre ausleihen möchte, sei hier gewarnt: Er wird es vermutlich lange nicht oder überhaupt nicht wieder zurückbekommen, weil es –„das musst du unbedingt auch lesen!“ -  in heller Begeisterung weitergereicht worden und auf Stafettenlauf gegangen ist.

Goethe als Lebenslehrer

Bei Ansprachen im Rahmen von grossen sportlichen Anlässen bezeichnen Redner den Sport gern als „Lebensschule“  - auf diesen Begriff ist unser alt Bundesrat Dölf Ogi auch heute noch abonniert. Was alles in der Lebensschule des Sportes gelehrt wird, wird allerdings kaum je erklärt. Stefan Bollmann macht uns mit der Lebensschule vertraut, die Goethe durchlaufen hat, er lässt uns teilhaben an Goethes „langem Weg zum eigenen Leben.“  Auf verschiedenen Stationen fühlt man sich ganz direkt angesprochen, weil man Ähnliches selbst geahnt,  erlebt oder im Umfeld von Familie und Freunden beobachtet hat. Da ist etwa Vater Goethe, der sich auf der sozialen Stufenleiter emporgearbeitet hat und nun vom Sohn erwartet, dass er Jus studiert und als Advokat tätig wird. Sohn Johann Wolfgang hat zwar noch keinen klaren Lebensentwurf, ist aber mit den Plänen des Vaters durchaus nicht einverstanden. Auseinandersetzungen,  Spannungen in der Vater-Sohn- Konstellation – bis zum heutigen Tag ein aktuelles Thema. Und sehr erhellend Goethes Einschätzung in der Rückschau, wenn er feststellt, dass sich Väter oft im Lebenslauf des Sohnes – oder auch der Tochter – reproduzieren möchten: „So ungefähr, als wenn man zum zweitenmal lebte und die Erfahrungen des ersten Lebenslaufes nun erst recht nutzen wollte.“

Der junge Goethe löst sich vom Elternhaus, vom Vater, macht seine Erfahrungen, schliesst Freundschaften, überlässt sich seinem unbändigen Erfahrungshunger, erlebt Enttäuschungen und löst selbst Enttäuschungen aus: Bollmann folgt Goethes Entwicklungsweg, zieht dabei immer wieder mit grossem Geschick Parallelen zum Lebensgefühl unserer Tage und bringt Hinweise auf Goethes Werke im Verlaufe der Zeit, vom Jugendwerk  „Werther“  über „Wilhelm Meister“ oder den „Wahlverwandtschaften“ zu einzelnen Dramen, zur Lyrik, zu den „Römischen Elegien.“

Goethe als Minister am Hof von Weimar, der Arrivierte, der sich voll ins „tätige Leben“ stürzt, der sein Arbeitsfeld rastlos erweitert  und sich im Sog seiner Karriere gleichsam selbst abhanden kommt: Ist er in dieser Lebensphase nicht ein Vorläufer von manch einem erfolgsgehetzten  Manager und CEO-Typen? Auch wenn man selbst auf der Erfolgsleiter weit unten steht: „Das eigene Leben ist keineswegs frei von Selbsttäuschungen darüber,  worin denn das „Eigene“ , das, was das Eigene ausmacht, besteht. Diese Selbsttäuschungen können sehr hartnäckig sein, im Extremfall  halten sie das ganze Leben über an“, gibt Bollmann zu bedenken....man sieht Goethe, wie er zustimmend nickt.

Bollmann hat mit Sicherheit auch da die Zustimmung Goethes des Grossen, wo er von der therapeutischen Kraft des Schreibens spricht und berichtet, wie sie sich in Goethes Leben auf unterschiedliche Weise manifestiert hat. 

Goethe, von nah besehen

Falls Sie Goethe in der Schule „gehabt“ haben, sind Ihnen gewiss die Liebes-Leiden des jungen Werther in Erinnerung geblieben. Oder das Gretchen, das singend am Spinnrad sitzt und –„Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer“ – wohlig erschauert, wenn es an Fausts Küsse denkt. Mag sein, dass man sich heute  - da Sex kein Tabu mehr ist und alles irgendwie  sexy zu sein hat – dem Thema „Goethe und seine Liebschaften“ offener zuwendet als ehedem. Aber mit  Sicherheit würde  kaum ein Lehrer eine seiner Goethe- Lektionen mit dem Titel „Wie man sein Liebesleben erneuert und richtig über Sex spricht“ überschreiben.

Stefan Bollmann tut es. Schlag nach bei Goethe: Wir erleben Goethes Aufbruch von Weimar zu einer längeren Italienreise und das Aufbrechen seiner Mannhaftigkeit und seines Sexuallebens. „Der unendliche Ausdruck von Geilheit im Verbiegen und Verschmiegen der ganzen Natur“. Wenn wir dem Genie Goethe bisher im Almanach „Mit Goethe durch das Jahr“ begegnet sind oder die literarische Kostbarkeit

„Über allen Gipfeln ist Ruh“ tief schätzen, dann gibt uns Bollmann ein Kaleidoskop in die Hand. Eine Schüttelbewegung  - und ein neues Bild zeigt sich. Die einzelnen Elemente sind die gleichen wie zuvor, in der Spiegelung hat sich jedoch deren mosaikartige Anordnung verändert. Goethe, von nah besehen, macht uns überdies klar, wie eng unser Begriffsverständnis zuweilen ist. „Lust“: Das ist  weit mehr als ein Gegensatz zu träger Unlust oder Lust auf sexueller Ebene. Goethe, so weiss Bollmann,  mahnt uns zur Hingabe an die Lust des Augenblicks. Zum dankbaren und tiefen Auskosten von Glücksmomenten in all ihrer Vergänglichkeit. Goethe: “Da beweist sich’s im Augenblick, ob wir lebendig sind, und bei späterer Betrachtung, ob wir lebendig waren.“

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