Sie ist anders

Monika Marti, 28.06.2020

Monika Marti
Monika Marti

Sie ist anders

Grossmutter pflegte die Gewohnheit, mit wenigen Worten eine Wirklichkeit treffend zu beschreiben. Mit sie, meinte sie unser Mittelkind. Dieses verzauberte sein Umfeld bereits im frühen Kindesalter. Der Schalk in seinen Augen war nicht zu übersehen. Wer mit dem kleinen Mädchen in Blickkontakt geriet, begann unwillkürlich zu lachen. Bald einmal wurde es Sonnenschein genannt. Sanftmütig. Einfallsreich. Und «Umpebatz», was so viel wie «Lumpenspatz» hiess.

Später, in den Teenagerjahren, wird die angehende Frau als einfühlsam, gutherzig und hilfsbereit beschrieben werden. Den Kindergarten und die Schule besuchte unsere Kleine vorallem der «Gspändli» wegen. Sie war ein fröhliches Kind, heckte Streiche aus und tröstete, wenn jemand traurig war. Gab es Streit, stiftete sie Frieden.

In der 5. Klasse wurde die Französischlehrerin von ihren Schülerinnen und Schülern gemobbt. Die Kinder waren frech und verhielten sich aufmüpfig. «L’Enseignant» wurde aus dem Hinterhalt mit Papierschnipseln beworfen, derweil sie «je sais, tu sais ….» an die Wandtafel schrieb. Ein Teil der Horde äusserte sich in der Pause untereinander abschätzig über Madame Ducret und stachelte sich zu weiteren Gemeinheiten an. 

Die Rotzbuben und -mädchen hörten damit nicht auf, bis die junge Frau eines Tages in Tränen ausbrach. Unser Sonnenschein investierte wenig Interesse und Herzblut in den Schulstoff, umso mehr Mitgefühl brachte sie für die schluchzende Lehrerin auf. Unser Mädchen stand mutig vor die Klasse und verlangte nach einer Aussprache. Auf ihr Geheiss sassen Frau Ducret und alle SchülerInnen im Kreis und diskutierten über die Rangelei in der Schulstube. Fortan verlief der Unterricht störungsfreier.

Als unsere Tochter sich am Ende des sechsten Schuljahres weigerte, in die Sekundarstufe überzutreten, wurden wir Eltern hellhörig. In der Realklasse seien die «Coolen» zu finden, wurden wir belehrt. Sekundarschüler wären langweilige Streber. Des Kindes Flehen brachte nicht den erhofften Erfolg. Wir Eltern liessen uns nicht umstimmen und Sonnenschein wechselte in das Schulhaus.

Bald einmal galt es die Frage zu klären, ob das Kind für den gymnasialen Unterricht zu empfehlen sei. «Ohne Zweifel», meinten die Lehrkräfte. «Folge deinem Bauchgefühl», ermunterten wir Eltern unser Kind. Das tat es dann auch und absolvierte eine Lehre. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung, entschied sich die mittlerweile willensstarke Herangewachsene für einen Aupair-Aufenthalt in England. Ein Jahr später, zurück im Heimathafen, wurde der Familie entschieden mitgeteilt, dass demnächst definitiv ausgewandert werde. Kaum gesagt, so getan. Mit fünfzig Schweizer Franken in der Tasche reiste die Abenteurerin zurück in den ihr liebgewordenen Süden Englands. Vorübergehend fand sie bei der bekannten Gastfamilie kostenlosen Unterschlupf. Die englischen Eltern und Kinder hatten Sonnenschein erwartungslos ins Herz geschlossen. Schritt für Schritt kämpfte sich die ausgewanderte Frau in ihr eigenes neues Leben. Sie suchte Jobs und verlor diese oft wieder, so schnell wie sie gefunden waren. Meinem erwachsenen Kind aus Distanz beim Leben zuzusehen forderte mich heraus. So anders, geordneter und stilvoller hatte ich mir das Leben für die aufblühende Schönheit vorgestellt. Als uns Eltern nach einiger Zeit die Nachricht zuteil wurde, dass ein «boyfriend» am Horizont erschienen sei, atmeten wir dankbar auf. Der Einfluss eines «smarten englischen gentleman» würde ihr gut anstehen. Die Erleichterung wich von uns, als unser Verstand allmählich erfasste, dass Juanito aus Kolumbien stammt, verheiratet und Vater eines kleinen Jungen ist. Jobmässig in unsicherer Stellung. Spanisch sprechend. Handel mit «Gras» inklusive. Für das Gefühlschaos, das in uns Eltern in Bewegung geriet, fehlen mir die Worte. Inbrünstig hofften wir, dass dieser Beziehungsspuck bald ein Ende finden möge. Wir stellten unsere Erziehung in Frage und stiessen auf Erkenntnisse. Doch alles grübeln trug nicht dazu bei, dass sich das Paar entzweite. Im Gegenteil. Die Beziehung wurde intensiv und wild gelebt. Da flogen einmal die Fetzen, ein andermal wurde versöhnt. Mein Mann und ich litten meilenweit entfernt wie heulende Wölfe mit. Im Laufe der Jahre stabilisierte sich das Zusammenleben der Beiden. Auch die Sache mit dem «Gras verkaufen» hörte auf.

Im letzten Jahr, an einem sonnig klaren Wintertag, klingelt unser Telefon. «Ich bin schwanger», tönt es aus dem Mikrofon. Wer jetzt glaubt, wir würden gleich ins Handy säuseln und gezwungen etwas Nettes sagen, irrt. Als künftige Grosseltern strahlen wir vor Glück und gratulieren der werdenden Mutter aufrichtig zum Kind. Wer meint, die Herzlichkeit sei in diesem Moment wie ein Blitz in uns eingedrungen, täuscht sich abermals. Uns wurden zwischenzeitlich weitere herausfordernde Situationen geschenkt, in denen wir unsere Wertehaltung im Hinblick auf die Entwicklung unserer Kinder überprüfen konnten. Wir beschäftigten uns beispielsweise intensiv mit der Frage, warum der Satz «den Kindern stehen eigene Entscheide zu» so leicht auszusprechen ist und Juanito lieben und respektieren so verdammt schwerfällt.

Unser Enkelkindchen ist inzwischen geboren. Ein temperamentvolles Mädchen mit dunklen Haaren und braunen Augen. Ihr Papa ist nach wie vor mit der anderen Frau verheiratet. Die Jobs der jungen Eltern sind unsicher und schlecht bezahlt wie eh und je. Im Laufe unzähliger Diskussionen habe ich begriffen, dass ich mein Leben und Denken mit dem der Jungmannschaft verwoben habe. Ich habe begonnen, die Lebensfäden aufzutrennen und beide Familiengeschichten einzeln weiter zu stricken. Heute erkundige ich mich direkt und persönlich nach dem Geschehen in England und stelle konkrete Fragen, anstatt mich aus Distanz um Eventualitäten zu sorgen. Ich vertraue dem Paar, dass es sich das Leben leisten kann und fühle mich seither weniger zu lebensrettenden Massnahmen gedrängt. Nicht, dass mir diese Art zu leben leichtfällt. Ich übe mich darin. Die Konfrontation mit dem Lebensstil von «Umpebatz» hat mein Denken und Fühlen nachhaltig verändert. Ich bin offener geworden. Verständnisvoller. Milder im Urteilen.

Es steht mir gut an.

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