Soll ich? Soll ich nicht?

Monika Marti, 06.08.2020

Monika Marti
Monika Marti

Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte mich selbstkritisch von allen Seiten. Es ist Sonntagmorgen und ich bin spät dran. Was soll ich bloss überziehen? Seit 30 Jahren ist es sonntagklar, dass ich meine Hand nach einem Kleid im Schrank ausstrecke. Weil in der Bibel steht, dass sich die Frau nicht bekleiden soll wie ein Mann. 

Der grüne Jupe mit den weissen Streifen will mir heute gar nicht gefallen. Ich ziehe ihn rasch wieder aus und und schiebe die Kleiderbügel im Kasten hin und her in der Hoffnung, dass mir etwas Nettes in die Augen springt. Der rostrote Rock vielleicht? Oder der hellgraue Hingucker, dessen Stoff leicht oberhalb der Kniebeuge besaumt ist? Der Blick in den Spiegel weist mir den Weg. Was ich sehe, sagt mir nicht zu. 

Sechs Tage die Woche trage ich in absoluter Selbstverständlichkeit bequeme Hosen. Am siebten Tag kriecht das schlechte Gewissen an mir hoch wie eine Schnecke am Hochbeet. Die Schleimspur an meinem Körper ist im Unterschied zum Weichtier nicht auf Anhieb zu erkennen. Warum kommt Gott mit einer Hose am Sonntag nicht zurecht? Etwa, weil er aufgrund der Bekleidung meine Beine nicht sehen kann? Oder ist er kurzsichtig und kann Männlein und Weiblein nur aufgrund der äusseren Verhüllung unterscheiden? Nach dem vierten Ankleideversuch greife ich zu meiner dunkelblauen Rundhose. 

Heute ist eh nicht mein Tag. Die Kinder standen bereits früh morgens am Bettrand und wollten von mir unterhalten werden. Dann kochte die Milch für den Schoppen über und im Stall wollte eine Kuh kalben. Ich kippe mein Becken leicht nach vorne und halte den Taillenbund der Hose über meinen Rock. Dann stemme ich die Hände in die Hüfte und wippe vor dem Spiegel hin und her. Mein vertrautes Ich schaut mir entgegen. Soll ich? Soll ich nicht? Ich entledige mich rasch des blau-weiss-geblümten Kleides und schlüpfe in die Hose. Dann versuche ich leicht vornübergebeugt den Reissverschluss im Gesäss zu schliessen. Einige Metallzähne hängen etwas fest, klinken sich dann aber fehlerfrei ein. Ich richte mich auf und streiche die Hosenbeine glatt. 

Dann betrachte ich mein Spiegelbild erneut. Es versprüht Lust auf ein Exempel. Ja, heute will ich innere Klarheit erhalten, ob mich Jesus nach vollbrachter Untat noch mögen wird. Ich will herausfinden, ob Gott wirklich so schwachherzig ist, dass er das weibliche Geschlecht bestrafen muss, wenn es die Haare kurz oder die Hose lang trägt. Ich begebe mich auf rutschiges Terrain. Der Eintritt in das Himmelreich könnte mir deswegen streitig gemacht werden. Eine bussfertige Haltung würde möglicherweise milde stimmen.

Die weiblich gekleideten Frauen sitzen  auf der rechten Bankreihe im Saal. Ich setze mich zu ihnen. Den Ausführungen des Predigers kann ich heute nicht folgen. Zu sehr bin ich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Verstohlen beobachte ich meine Sitznachbarinnen. Warum glotzen sie mich nicht an? Warum blitzt der Heilige Geist nicht vom Himmel und beleuchtet für alle sichtbar mein verwerfliches Tun? 

Tiefes einatmen. Ich frage mich, wer eigentlich all die Gesetze erlassen hat. Beispielsweise, dass Rauchen Sünde ist. Sex vor der Ehe und wohnen im Konkubinat geht schon gar nicht. Zeit mit Ungläubigen zu verbringen wird als schadsam erachtet. Ich rutsche auf dem harten Sitz hin und her, dabei schabt der Reissverschluss in der Hosenmitte an der Holzbank. 

Kann es sein, dass viele mir verordnete Regeln gar nicht von Bedeutung sind? Sorgen vielleicht eher die Menschen als Gott für Zucht und Ordnung, damit die Herde leichter überwacht werden kann? Warum sollte es dem Höchsten nicht möglich sein, ausscherende Schäfchen auf dem Weg zu begleiten? Ihm, dem Allmächtigen. Dem Allumfassenden. 

Orgelklänge verkünden das Ende der Predigt. Ich stehe auf, hole meine Kinder im Sonntagsschulzimmer ab und fahre glückbeseelt nach Hause. Mein Mann hat inzwischen im Stall als Geburtshelfer gedient. Das frischgeborene Rind steht noch etwas ungelenk auf seinen langen Beinen derweil die Mutterkuh hingebungsvoll sein nasses Fell leckt. Wie gut, dass das Kuhkälbchen sich nicht die Frage stellen muss, ob es heute – weil Sonntag ist – mit einem Rock versehen auf die Welt hätte kommen müssen.

Am Abend gleiche ich den Aufwand der Überwindung mit dem Ertrag der gefühlten Freiheit ab. Die Rechnung geht auf. Ich beschliesse, mich bei Jesus für die Schandtat nicht zu entschuldigen und künftig auch sonntags Hosen zu tragen. Das tue ich dann auch. Über lange Zeit. Und wissen Sie, was passiert ist?

Nichts.

Gar nichts.

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