Spassbremse

Eveline Keller, 24.07.2019

Eveline Keller
Eveline Keller

Wenn Verzicht befreit: Ach, dazu fallen mir sofort meine Enkel ein. Nein – sie müssen auf nichts verzichten. Ihre Eltern verzichten auf jegliche Massnahmen, den Kindern Manieren beizubringen. Und schon töne ich wie meine eigene Grossmutter. Ist das vielleicht ein Generationenproblem? Ich bin doch so verständnisvoll! Ich bin doch offen für alles. Gäste sind bei mir willkommen. Meine Söhne durften alle ihre Freunde mit nach Hause bringen, auch wenn sie mitten in der Nacht meine Küche leerassen. So hatte ich bisher den Eindruck, sehr tolerant zu sein.

Auch vertrete ich seit je her einen antiautoritären Erziehungsstil. Aber alles in einem gewissen Rahmen. Und genau darum geht es. Antiautoritär bedeutet nicht automatisch, völliges weglassen jeglicher Regeln. Es bedeutet auch nicht, dass Eltern nur dazu da sind, vierundzwanzig Stunden am Tag ihre Kinder zu bespassen – bis sich diese Übermenschen, ausgebrannt und völlig erschöpft in ein Wellness-Weekend absetzen müssen, um der Dauerbelastung, die sie sich angerichtet haben, zu entfliehen.

Und genau, das bin ich nicht bereit zu bieten.  Ich weiss, mit meiner Ansicht mache ich mich mal wieder unbeliebt. Aber die meisten Menschen entsprechen leider nicht immer den gängigen Clichées, wie denen von grossherzigen, herumalbernden Grosseltern, oder jenen von süssen, putzigen Enkelkindern. Ich hätte auch lieber nette Enkel – keine verzogenen Bengel. (Davon träumten wohl schon Generationen von Grosseltern vor mir.) Ich hatte bisher auch nur ein müdes Lächeln für solche althergebrachten Ansichten, die mit erhobenem Zeigefinger vorgebracht wurden. Aber da stehe ich nun mal – und stecke in einer Sackgasse. Denn eigentlich ist mir ein Bengel viel sympathischer, als ein überangepasstes Sonntagsschüler-Kind.

Die Erziehungsformen und Erziehungsebenen verändern sich offenbar rasend schnell. Oder aber, ich bin im Eiltempo gealtert. Das kleine Kinder viel Schmutz machen, weiss ich von meinen eigenen. Dass man da Fünfe gerade sein lassen muss, um sich nicht mit dauerndem Putzen aufzuhalten, auch das ist mir nicht neu. Und trotzdem bin ich schockiert über die verklebten, sabbernden Knuddelbärchen, die meine Enkel sind. Dass sie etwas, das ihnen nicht schmeckt wieder rausgeben – okay. Dass mit den Salontisch verpampen – ja, halt Pech. Spätestens als sie sich über den Fressnapf der Katze beugten, habe ich eingegriffen. Nicht weil sie sich vergiften. Nein, mir tat die Katze leid. Und das Geschirr, und was drumherum liegenblieb, das war eklig, das wieder wegzukratzen.

Dass sie mit ihren Erdverkrusteten Füsschen vom Garten gleich in die Wohnstube latschen, auch daran habe ich mich fast gewöhnt, obwohl …. Man könnte ihnen wirklich sagen, die Füsse abzustreifen. Ist das unmöglich? Beschränkt das ihren Drang nach freier Entfaltung? Ich meine, dass man den Kindern beibringen sollte, auf die Wohnfläche und die Einrichtung darin acht zu geben, vor allem wenn man zu Besuch ist. Das wäre doch kein Verbrechen?

Darum, und auch, weil mich mein Enkel, der sich gewohnt ist, dass sich die Erde, und alles was sich darauf bewegt, um ihn dreht, mich aus meinem Haus werfen wollte. Das hat mich überraschend tief verletzt. Sein Grossvater lächelte dazu nur dünn. Für mich dagegen, war das der lebende Beweis dafür, wohin die ganze Freilauf-Erlaubnis führte.

Bitte nehmt mir es nicht übel. Ich bin sonst nicht so. Aber da verzichte ich gerne darauf, meine Enkel einzuladen. Natürlich gelte ich so als notorische Spassbremse. Aber ich fühle mich damit wunderbar befreit.

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