Teodora Kostyàl | Sexarbeiterinnen müssen zum Sozialamt

Teodora Kostyàl, 29.04.2020

Teodora Kostyàl
Teodora Kostyàl

Noch nie war es so still in der Stadt. Noch nie die Luft so klar und selten so ruhig auf den Autobahnen. Keine Staumeldungen am Radio.

Die Geisterhaftigkeit einer Surrealität, die Tag für Tag realer und zur neuen Lebensform wird.

Etwas unsichtbar Kleines hat was Grosses, Reales, aber bisher nicht wirklich Wahrgenommenes sichtbar gemacht.

Ein seltsamer Machtwechsel.

In dieser Zeit scheint alles anders als sonst, obwohl im Grunde alles gleich ist. Wir tragen nur den Schleier nicht mehr, der uns sonst die Sicht auf die Fragilität unseres Daseins verdeckt. Wir hören besser hin und fühlen und spüren direkter, da weniger Ablenkung vorhanden. Die problematischen Aspekte unserer Existenz erheben sich nach der ersten Phase der Verunsicherung und Angst plötzlich in besonders klaren Umrissen. Das brüchige Gebälk der Abhängigkeiten und falschen Sicherheiten wird von einer ungewöhnlichen Seite beleuchtet – die Sonne scheint sozusagen diesmal von Norden - und wir haben genügend Zeit zum Nachdenken. 

Auszüge vom Notizbuch

5.März

Reaktionen: Ignorieren, Überspielen, Bagatellisieren, Schuldzuweisung, Beklemmung, Angst, Verzweiflung, Panik, Hamstern, Anklagen, Ohnmacht, Lähmung.

6.3.

In einer Zelle sitzend auf den Henker warten und nicht wissen, wann er kommt.

7.3.

Was heisst trotzdem leben?

8.3.

Seuchenzeit: Ich begebe mich in die „feindliche, kontaminierte” Welt (einkaufen gehen als Mitglied der s.g. „Risikogruppe”.) Ich muss mich dazu zwingen - auf Coiffeur, Treffs u.Ä. verzichte ich.

In den Läden ist plötzlich niemand mehr.

Diejenigen, die es noch wagen in der Öffentlichkeit zu husten, werden – nach den Blicken der anderen zu urteilen - bald gelyncht...  

Die Gesellschaft hat eine weitere Spaltung erlitten: zwischen „u 65 und ü 65.”

Freipass für die einen, Angstkäfig für die anderen – mit gegenseitigen Schuldzuweisungen.

9.3.

Vorgestern in den Nachrichten: „Die Sexarbeiterinnen (mit diesem Begriff!) haben eine Krise; es kommt niemand mehr auf Besuch. Sie befürchten, dass sie zum Sozialamt gehen müssen.”

10.3.

Die Reiseentscheidung, meinen Enkel zu besuchen, und mit ihm 4 Tage zu verbringen, ist goldrichtig. Der Zweijährige ist voller Lebendigkeit, sein Lachen verzaubert das Herz und lässt alle Sorgen vergessen.

14.3.

Nur noch 2 Rollen WC-Papier zu Hause. Die Regale sind aber in der ganzen Stadt leer.

Auch kein Mehl, Reis, Zucker oder Hefe. Die Kriegserinnerungen meiner Eltern werden wach.

15.3.

Die ersten Witze machen die Runde.                                                     

16.3.

Auf sich zurückgeworfen sein. Angst und Vertrauen.

17.3.

Ich habe Allergie mit Niesanfällen und meine Nase läuft. Überall werde ich schräg angeschaut.

18.3.

Jemand spielt unten bei der Stadtmauer jeden Abend Alphorn. In den Tagen der Ambivalenzen ist er ein fixer Punkt und vereinigt alle Daheimgebliebene im Zuhören.

19.3.

Klopapier ergattert! Dank telefonischer Reservierung vor drei Tagen wird es vom Filialleiter an der Kasse hinterlegt. Die Sechserpackung ist die einzige Lieferung an diesem Tag. Sündhaft teuer, eine unbekannte Marke mit allen Finessen. Hätte ich einen Rückspiegel, könnte ich an meinem Hintern die Verwunderung sehen -angesichts von so viel Luxus.

20.3.

Diese (erzwungene) Stille ist in der Stadt fast bedrohlich. Kein einziges vorbeifahrendes Auto, kein Flugzeugbrummen, keine Kinderstimmen, keine Touristen auf der kleinen Brücke, die laut lachen und fotografieren. Keine Glocken.

Verdutzt betrachte ich die (trotz wunderschönem Wetter) geschlossenen Fenster, sogar dort wo sonst 24 Stunden lang alles offen ist.

Auf den leeren Strassen nur Hündeler, ein paar verschämt um sich blickende Rentner und vereinzelte Mütter mit Kleinkindern.

21.3.

Ich erwache mit dem Gedanken, alles nur geträumt zu haben.

2 leere Trams, 4 Autos in einer Stunde. Am Samstag Abend.

Als Folge der Vergiftung mit den obligatorischen Kriegsfilmen in meiner Jugend in Ungarn rechne ich laufend damit, dass auf mich geschossen wird - weil ja eigentlich Ausgangsperre herrscht...



22.3.

Über die aktuelle Hopper-Ausstellung im Museum Beyeler: „Vielleicht ist die Leere unser natürliches Habitat – und wir haben es ob all der Ablenkung einfach nie gemerkt. Starren wir also eine Weile in sie hinein. Wer weiss: Vielleicht starrt sie zurück.”

(Samuel Schuhmacher)

23.3.

Flucht in den Wald. Wir sind nicht allein.

Man hält den Atem an, wenn Leute entgegen kommen.

Der Frühling scheint uns zu verspotten. Um uns herum pfeifts`s und klingt`s, blüht`s und riecht`s. Alles lockt zur Bewegung und Begegnung. Aber der „bewegungs-und begegnungsfreudige Virus” hat einen „Lock down” zur Folge. Ja, Neudeutsch. Überflüssig alles aufzulisten. Die Ausdrücke werden von allen ohne Kritik oder nachzudenken nachgeplappert. Wie „Home Office” (was eigentlich Innenministerium bedeutet) anstatt home-based office. Wenn schon. Ob dadurch das alles erträglicher, schöner und weniger schlimm wird?

In den Nachrichten erklingt innerhalb von drei Minuten 5-6 mal der Begriff „Corona”, entweder gekoppelt mit „Virus”, „Krise” oder „Massnahmen”. Synonyme scheinen unbekannt zu sein. In den ersten 2-3 Wochen noch ergänzt  durch „das neuartige”.

24.3.

Spätestens in 2 Wochen wird`s sichtbar, wer welche Originalhaarfarbe hat.                                                          

25.3.

Viele sehen alles als beispiellose Hysterie und Panikmacherei. Diese Seite argumentiert mit anderen Zahlen, z.B. damit, dass täglich 150 000 Menschen sterben, davon 25 000 verhungern. Oder während der Grippeepidemien 1800 Personen an Grippenviren ihr Leben verlieren, an einem Tag.

Die Medien, wie immer, wiedersprüchlich und/oder einseitig. Einen klaren Kopf zu bewahren, sich nicht von den Strömungen mitreissen zu lassen ist nicht einfach und nimmt viel Kraft in Anspruch. Kraft, die vielleicht anderswo fehlt.

Etliche von uns sind nicht gewohnt sich mit unbequemen Fragen zu beschäftigen. Jetzt haben wir Zeit dafür.

Tabuthemen wie Tod und Alter werden plötzlich salonfähig, sogar das Thema einer eventuellen Altersgrenze beim Zugang zu Beatmungsgeräten im Krisenfall wird gestreift.

26.3.

Ich treffe Spaziergänger mit Gummihandschuhen an. Im Wald.

Und sehe Autofahrer mit Mundschutz. Allein im Wagen.

Auffallend viel Polizeipräsenz. Sogar auf Velos in den Wäldern.                   

27.3.

Nur menschliche Stimmen, Vogelgezwitscher, vorbeisurrende Veloräder und das Rascheln letztjähriger Eichenblätter am Boden. Sonst alles ruhig, langsam, die Luft wohlriechend.

Es könnte sein, dass sich die ganze Hektik ins Virtuelle verlagert hat (bzw. in die Spitäler).                   

28.3.

Unsicherheit, Bedrohung, Kontrollverlust, Angst, Endlichkeit, Abhängigkeiten, Manipulation, Dauerstress, Schockstarre, Isolation,Vereinsamung, Aushalten.

Vertrauen, Loslassen, Aufgeschobenes erledigen, Dankbarkeit, nicht absumpfen.

29.3.

Ich bin älter als drei von meinen Grosseltern bei ihrem Tod waren.

1.4.                 

Ich fühle mich wie Treibholz auf dem Wasser.

4.4.

In einer still gewordenen Quartierstrasse ein Pfauenpaar. Gelassen und majestätisch spazieren sie auf der Mitte der Fahrbahn.

5.4.

So viel Knoblauch habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Es ist ja momentan niemand da, der sich daran stören könnte.

8.4.

Wie geht es weiter? Wird die Infragestellung angenommen oder wird wieder versucht, sie nach altem Muster mit Macht zu verdrängen?

10.4.              

Wenn alles aussen wegfällt: Was ist es, was uns noch von innen zusammenhält?

13.4.

In Unwissenheit schwimmen und auf etwas vertrauen, was wir nicht kennen.

17.4.

Was ist mir wirklich wichtig?

Natur 

Prioritäten setzen

Bewegung

Ungeklärtes Klären

Kontakte, Austausch

Strukturen

Verbunden sein

und: Akzeptieren, dass „das einzig Konstante im Leben die Veränderung ist” - ein heikler Balanceakt über Abgründe. Ob ein Netz vorhanden ist?        

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