Tiefgefroren

Benita Batliner, 27.11.2020

Benita Batliner
Benita Batliner

Ein grosser und ein kleiner Engel betrachteten die Welt von oben. „Was ist bloss geschehen mit den Menschen?“, fragte der kleine Engel. Der grosse Engel seufzte leise. „Sie haben das Licht ihrer Menschlichkeit gelöscht.“ Der kleine Engel schaute den grossen Engel mit vor Schreck geweiteten Augen an.„Nicht ganz und nicht alle“, sagte der grosse Engel, „aber viele haben ihre Flamme so klein gestellt, dass sie kaum noch flackert. Sie haben vergessen wer sie sind.“

Der kleine Engel sog scharf die Luft ein. „Wie konnte es soweit kommen?“ „Es geschah langsam. Deshalb haben sie es nicht bemerkt.“ Der kleine Engel wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Es liegt an der Trennung, nicht wahr? Sie fühlen die Verbindung nicht mehr.“ Der grosse Engel nickte.

„Schau, wie sie die Erde behandeln. Sie haben vergessen, dass sie ihre Mutter ist. Sie füttern die Pflanzen mit Gift, sie fällen die Bäume und fahren mit ihren schweren Maschinen, die aussehen wie Monster, über den Boden, bis er so fest ist, dass kein Tropfen Wasser mehr hinein dringt. Sie zerstören die Vielfalt und dann sagen sie, sie brauchen noch mehr Gift, um sie zu ersetzen.“ „Und sie nennen es normal.“

„Sie essen vergiftete Nahrung, trinken vergiftetes Wasser und atmen vergiftete Luft.“ „Und sie nennen es normal.“ „Sie werden krank davon, und um sich zu heilen, nehmen sie noch mehr Gift zu sich.“ „Und auch das halten sie für normal.“ „Sie holen die Fische aus den Meeren und füllen es stattdessen mit schwarzem Öl und Plastik und verwandeln die Wiege des Lebens in eine Kloake.“ „Und sie sagen, was soll ich als Einzelner tun?“

„Sie pferchen die Tiere in engen finsteren Lagern zusammen und quälen sie, um sie danach zu töten und zu essen!“, sagte der grosse Engel. „Und sie nennen es normal.“ „Sie predigen Gleichheit und verwandeln Paradiese durch Monokulturen in Wüsten, in denen ohne Gift kein Halm mehr wächst, kein Insekt mehr summt, kein Vogel mehr zwitschert, keine Farbe mehr leuchtet, kein Wasser mehr sprudelt, kein Lachen von fröhlich arbeitenden Menschen mehr erklingt.“

„Sie rennen Tag um Tag um ihr Leben“, sagte der kleine Engel traurig, „und dabei merken sie nicht, dass sie in Wahrheit vor ihm davon laufen.“ „Sie nennen es Arbeit, Karriere, Erfolg, Wohlstand und Fortschritt.“ Der kleine Engel schüttelte traurig den Kopf. „Und sie nennen es normal.“

„Sie haben die natürlichen Kreisläufe gestört und Linien daraus gemacht, die ins Nichts führen“, sagte der grosse Engel. „Sie schauen in ihre Handys und ihre Computer anstatt sich in die Augen. Sie lassen sich Abend für Abend vor dem Fernseher hypnotisieren, anstatt nach innen zu lauschen oder sich gegenseitig zuzuhören.“ „Sie halten es für normal.“

„Normal bedeutet, dass es alle tun, nicht wahr?“, sagte der kleine Engel. „So ist es. Aber sie verwechseln normal mit natürlich.“ „Du meinst, wenn es alle tun ist es normal, aber es ist deswegen noch lange nicht natürlich?“ „Genau. Natürlich bedeutet, der Natur entsprechend. Aber die Menschen haben vergessen, dass sie ein Teil der Natur sind. Ihnen wurde gesagt, dass sie sie nutzen sollen, so wie sie die Tiere nutzen und sich selbst.“ „Mit nutzen meinen sie ausbeuten“, sagte der kleine Engel.

„Ja. Alles auf der Welt wurde verdreht: Oben ist unten, unten ist oben, gut ist schlecht, schlecht ist gut, Lüge ist Wahrheit, Wahrheit ist Lüge.“ „Aber wieso merken die Menschen das nicht?“ Der kleine Engel schüttelte den Kopf und zog die Stirne kraus. „Sie haben verlernt selbst zu denken und Fragen zu stellen. Sie wurden gelehrt, blind zu gehorchen und der Mehrheit zu glauben. Jene, die es noch wagen, kritische Fragen zu stellen und andere Sichtweisen einzunehmen, nennen sie Verschwörungstheoretiker“, sagte der grosse Engel.

„Sie haben sich eine künstliche Welt geschaffen. Sie liegt wie ein Spinnennetz über der Erde und hält sie darin gefangen.“ Der grosse Engel nickte dem kleinen Engel zu.

„Und sieh nur, was sie jetzt tun“, rief der kleine Engel aus. „Sie umarmen sich nicht mehr, sie berühren und küssen sich nicht mehr, weil sie fürchten, davon krank zu werden. Sie sperren ihre Eltern in Heime, wo sie vor Einsamkeit eingehen wie Blumen ohne Licht und Wasser. Sie verbieten ihren Kindern miteinander zu spielen und zu lachen, und sie zwingen sie in dieselben geraden Linien, die ins Nichts führen, anstatt sie in ihren eigenen Kreisen wachsen zu lassen. Die Menschen isolieren sich voneinander, anstatt sich zu verbinden, sie lassen sich sogar das freie Atmen verbieten und sie verraten sich gegenseitig.“

„Sie nennen es Solidarität“, sagte der grosse Engel. Warum tun sie das?“, fragte der kleine Engel. „Sie haben Angst.“ „Aber wovor?“

„Davor, dass ihre Welt zusammenbricht. Vor Krankheit, dem Tod, vor Ausgrenzung, vor Armut und vor dem Nichts, in das sie zu fallen glauben, wenn sie loslassen.“ „Aber sie fallen doch nicht ins Nichts. Sie fallen in Gottes Hand, in Mutter Erdes Schoss. Diese Spinnennetzwelt hält sie krank und klein. Sie sind aber grosse leuchtende Sonnen. Erkennen sie das nicht?“

„Sie haben es vergessen.“ Der kleine Engel schüttelte traurig den Kopf. „Ihre Herzen sind im Winter der Entmenschlichung festgefroren.“ Er liess seinen Blick über die Welt schweifen und plötzlich erhellte ein Lächeln sein Gesicht.

„Sieh’ nur, dort. Und hier. Da! Und dort drüben.“ Er zeigte auf Lichter, die an verschiedenen Orten aufleuchteten. Es wurden immer mehr und sie verbanden sich zu einem Netz aus Lichtpunkten. „Was sind das für Lichter?“, fragte der kleine Engel. Ein Leuchten huschte über das Gesicht des grossen Engels.

„Das sind Menschen, die sich erinnern. Menschen, die anstelle der Angst, die Liebe gewählt haben. Menschen, die den Mut haben, zu ihrer Individualität zu stehen und ihren ureigenen Herzensweg zu gehen. Schau, sie pflanzen Bäume und graben Teiche und Seen, wo vorher Wüste war. Sie legen Gärten an inmitten der Städte und Monokulturen. Sie befreien die Tiere und sie lachen und tanzen und singen und leben ihre Kreativität nach Herzenslust aus. Sie helfen einander und beschützen sich. Sie umarmen und küssen sich. Sie lieben sich selbst und einander. Sie haben die Verbindung zur Quelle in sich wieder gefunden und pflegen sie wie eine kostbare Blüte. Sie ordnen sich nicht unter, sondern sie bringen die göttliche Ordnung zurück auf die Erde.“

„Was können wir tun, damit es noch mehr werden?“, fragte der kleine Engel. „Wir lassen unser Licht leuchten, genauso wie sie es tun. Nicht mehr und nicht weniger. Sieh genau hin“, sagte der grosse Engel.

Der kleine Engel beobachtete die Lichtpunkte und er sah, wie die Flammen grösser wurden und wie sich davon Tropfen lösten, die übersprangen zu anderen Menschen, die dafür bereit waren.“ „Das Licht breitet sich aus“, sagte der kleine Engel und lachte. Der grosse Engel nickte. „Und bald wird es die ganze Erde umspannen.“

1Kommentar

  • Patricia
    29.12.2020 11:19 Uhr

    Liebe Benita,

    Herzlichen Dank für deine berührende Geschichte. Ich glaube wir haben uns schon vor langer, langer Zeit verloren. Ich nenne uns "Kinder der verlorenen Zeit". Ich glaube der Turmbau von Babel ist schon bald erreicht. Wer diese biblische Geschichte kennt, weiss wie der Ausgang ist.

    Wir suchen nach Halt, Werten und Führung. Was in unserer Gesellschaft zählt sind Geld, Macht und materielle Dinge. Wir lassen uns von Medien, Konsum und Obrigkeit führen und denken, das ist das Richtige für uns. Manchmal kommt es mir so vor wie ein kranker Patient der ins Spital geht und hofft, dass der Arzt ihn gesund macht. Er gibt seine volle Verantwortung für sein Leben in die Hände eines anderen. Wir überfordern uns und unsere Kinder. Wir wollen immer mehr! Was wollen wir mehr? Geld, Macht, Reichtum? oder einfach Liebe, Wärme, Herzlichkeit und harmonische Freundschaften, wo Geben und Nehmen im Einklang stehen. Soweit haben wir uns verloren.

    Es kommt eine neue Zeit, eine neue Generation, die uns zeigt, was Richtig ist. Lassen wir diese jungen Menschen gross werden. Helfen wir ihnen sich zu entwickeln und nicht mit künstlicher Intelligenz zudecken. Diese Generation ist unsere Zukunft unser Licht und kennt die Richtung.

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