Tote Pferde soll man nicht reiten

Maya Onken, 27.12.2019

Maya Onken
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Natürlich Auftakt, das ist doch klar! Sich ins Neue stürzen, den Takt ändern, andere Tanzschritte lernen, anspruchsvollere Wanderrouten wählen, den Fuss mit frisch gekauftem Schuhwerk versehen, nur nicht im alten Trott, im alten Takt, im alten Muster, im alten Schuh bekannte Wege gehen! Ich bin jetzt 51 Jahre alt und wäre noch vor einigen Jahren zu hundert Prozent genau dieser Ansicht gewesen. Heute habe ich auch gute Gründe, die für in die andere Richtung zielen: Alles so lassen, wie es ist.

Steve de Shazer argumentiert dazu:

  1. "Repariere nicht, was nicht kaputt ist!"
  2. "Finde heraus, was gut funktioniert und passt - und tu mehr davon!"
  3. "Wenn etwas trotz vieler Anstrengungen nicht gut genug funktioniert und passt - dann höre damit auf und versuche etwas anderes!"

Gemäss dieser Idee wäre die Überlegung vielversprechend: Was funktioniert in meinem Leben wunderbar? Die Art und Weise zum Beispiel, wie ich Arbeiten selbständig erledige, die Art und Weise, wie ich meine Kinder erziehe, die Art und Weise, wie ich eine umfassende Selbstfürsorge betreibe? Und genau diese Dinge soll man doch so sein lassen, wie sie sind. Sie funktionieren! Mehr noch, sie erleichtern das Leben enorm. Wir müssen täglich tausend Entscheidungen treffen (roter oder blauer Pulli, Café mit oder ohne Milch, viel oder wenig Make-up, Schuhe mit oder ohne Absätze, den Wecker um 6 oder oder 6'11 Uhr, Yoga vor dem Frühstück oder nachher oder gar nicht etc.). Wer weiss, wie sein Morgenritual zu einem möglichst raschen Aufwachen und Einstieg in den Alltag führt, sollte das doch genauso jeden Morgen wieder machen. Don't change a winning team! Wer weiss, wie am besten mit einer hysterischen Freundin umzugehen ist, um sie zu beruhigen, sollte diese Taktik wieder anwenden, weil es dann schnell still wird. Wer weiss, welche Einschlaftechnik am besten wirkt, sollte diese bitte nicht ändern, um die Chance auf einige Stunden Schlaf nicht zu gefährden.

Am besten ist eine verfügbare Liste über all das wertvoll Funktionierende, weil man darauf auch in akuten Krisensituationen mit wenig Bedenkspielraum zurückgreifen kann:

Wer also weiss, wie man sich am besten schnell selbst beruhigt, kann dies bei gruppendynamischen anspruchsvollen Ferien mehrmals täglich anwenden, um eine Wutattacke mit schlimmen Vorwürfen präventiv abzufangen.

Wer weiss, wie man den Geist in emotional hochanspruchsvollen Enttäuschungssituationen auf das zu Lernende und den nächsten wichtigen Schritt in eine erfolgreiche Zukunft lenken kann, sollte die Energie an Tränen und Opferdrama in etwas Sinnvolles umwandeln. Und so gibt es noch viele Ideen, wie das Wissen um Funktionsfähiges wirklich viel nützen kann.

Also bitte das alles in keinem Fall ändern! 

Und genau hier baut das Konzept «Auftakt» auf: Ist dir auch klar, was nicht funktioniert? Wo du dich im Kreis drehst, wo du im altbekannten Gedankenmuster immer wieder die gleichen Resultate produzierst, die immer genau gleich nichts Verändern und Verbessern und immer genau gleich nicht das Gewünschte hervorbringen? Sei das, dass du immer noch versuchst, dich von deinem Freund oder deiner Freundin zum hundertsten Mal zu trennen oder dich immer noch nicht gegen die Übergriffe von Familie, Nachbarn oder anderen wehren kannst, immer noch nicht Nein sagen kannst, immer noch Dinge übernimmst, für die dir im Nachhinein niemand dankbar ist, immer noch Dinge nicht tust, die du tun solltest und dafür anderer erledigst, wofür du dir ein Verbot ausgesprochen hast. So rauchst du immer noch und isst täglich Schokolade und der neu gelieferte Stepper steht einmal benutzt startklar im Schlafzimmer? So schaust du immer noch regelmässig die Serien anstatt den Bücherstapel anzugehen, den du dir angeschafft hast  (nennt man auch TSUNDOKU) und liest weder im liegenden noch im strampelnden Zustand keine Seite davon. Hier solltest du einen Auftakt planen. Es braucht das neue Muster, den neuen Takt, die neue Gesinnung, den Fokus auf die Veränderung bei diesen Themen, freundlich umrahmt von all dem, was gelingt und funktioniert.

Ein Auftakt ist immer dann sinnvoll, wenn es dazu ein realistisch erreichbares Ziel formuliert gibt. In einer Zeit, die machbar ist. Mit Parametern, die überprüfbar sind. Mit einem Einfluss auf den Erfolg, der zu 100% in deinen Händen liegt. Also Auftakte im Sinne von: Dann räumt mein Partner endlich mal regelmässig das Haus auf oder in einem Monat bringe ich 20 Kilo weniger auf die Waage oder ich bin nächstes Jahr einfach sehr viel zufriedener und glücklicher, sind alles kindliche Irrtümer, welche die Seele belasten. Allesamt nicht beinflussbar, machbar oder messbar.

Hier also einige Bestandteile eines erfolgreichen Rezepts für einen Auftakt, der sich lohnt zu takten:

*   Was ganz genau möchte ich anders haben? Was mache ich da anders, wie sieht das Endresultat genau aus (und wie fühlt es sich an, wie riecht oder tönt es, wie schmeckt es?)

*   Woran merke ich, dass ich in die richtige Richtung gehe? Was ist dann anders wie vorher? Was genau tue ich da?

*   Bis wann habe ich welchen Teilschritt erlangt, der realistisch und messbar ist?

*   Welche Ressourcen brauche ich, um mein Ziel erfolgreich anzugehen? Materielle Ressourcen? Energetische Ressourcen? Zeitliche Ressourcen? Meine Begabungen? Hilfe von anderen Menschen?

*   Wie belohne ich mich nach jedem Teilschritt?

*   Was plane ich ein für Unvorhergesehenes?

*   Wie viele Joker-Chips schenke ich mir selbst für einige Ehrenrunden im alten Muster (die unausweichlich kommen werden!)

In diesem Sinne wünsche ich allen viel Spass und Freude über Gelungenes sowie der Lust in neuen realistischen Schrittfolgen zu tanzen. Viel Erfolg dabei!

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