Trotzjahr

Verena Lüthi, 27.08.2019

Verena Lüthi
Verena Lüthi

Ich bin definitiv im Lebensabend angekommen. Denn seit ein paar Tagen ist es eine Tatsache: Ich bin neunundsechzig geworden und stehe folglich im siebzigsten Lebensjahr!  Und ja, ich gebe es zu, es lässt mich nicht kalt.

Siebzigjährig zu umschreiben, heisst; alt, pensioniert, grau, praktische Kleider, flache Schuhe, Seniorenwandern. Frau sollte sich wohl damit abfinden, Rilkes Gedicht «Herbst» leicht abgewandelt zu Herzen zu nehmen: «wer jetzt noch allein ist, der bleibt es».  

Kluge Ratschläge bekommt man gratis und von allen Seiten: Schau schon mal Richtung Alterswohnung, oder zum mindesten um rollstuhlgängiges Wohnen. Ganz zu schweigen von einem Lift, der empfiehlt sich allerdings schon ab sechzig. Findest du nicht, du solltest dich um ein Hörgerät kümmern? Willst du dir wirklich noch einen Hund anschaffen, in deinem Alter? Oder dann nimm wenigstens einen kleinen, stell dir vor, in zehn Jahren gehst du auf die achtzig, wie willst du dann einen grossen Hund ausführen? Ich könnte noch vieles aufzählen und diese Siebzig kauerte als Monsterkloss in meinem Magen, der sich immer wieder und penetrant meldete seit meinem Geburtstag, bis ich mich über mich selber ärgerte.

Wenn ich wütend bin, kommen mir oft die besten Ideen, so war es auch dieses Mal. Also beschloss ich: Ich proklamiere das nächste Jahr zu meinem «Trotz-70-Jahr»! Weil ich das richtig auskosten will, feiere ich nicht nur meinen Geburtstag Ende Juli, sondern rufe das ganze 2020 zu meinem «Trotz-70-Jahr» aus. Dem Motto entsprechend plane ich verschiedenen Trotz-70-Aktivitäten und zwar nur solche, die man diesem Alter normalerweise abspricht. Ein paar Ideen sind mir bereits eingefallen.

So werde ich zum Beispiel in einen Zug steigen, mich irgendwohin treiben lassen, von dort weiterfahren und mich wiederum wo anders hintreiben lassen, dies mindestens eine Woche lang und ohne etwas zu reservieren. Ich entscheide mich vorher nur für die Himmelsrichtung.

Ich werde das tun was ich will und was mir Spass macht und ich weigere mich, mich altersgerecht zu verhalten – trotzdem ich im siebzigsten Altersjahr stehe.  

1Kommentar

  • 04.09.2019 19:01 Uhr

    Liebe Verena

    Ja, ja gewisse Zahlen punkto „Jahrringe“ können schon Eindruck machen und ich kann gut verstehen, dass dir die „grosse“ Zahl siebzig etwas Respekt einflößt. Hinzu kommen all die ungebetenen Ratschläge zum Thema, die dich nicht nur stören, sondern ganz konfus machen, so dass du dich letztlich über dich selbst ärgerst.

    Diesen Ärger jedoch in eine gute Energie umzuwandeln und für die Idee eines „Trotz-Jahres“ zu nutzen, finde ich sehr inspirierend und kreativ – ich gratuliere dir dazu! Hierbei gefällt mir alleine schon die Doppeldeutigkeit des „Trotz-Jahres“ besonders gut.

    Ich wünsche dir, dass es in deinem Erkundungsjahr nicht nur bei der „Fahrt ins Blaue“ bleibt und du noch lange deinen Weg selbstbestimmt weitergehen kannst!

    Herzlichen Dank, dass du diese persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema mit uns geteilt hast.

    Liäbi Grüess

    Cécile

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