Was ich dich vor deinem Tod noch fragen wollte

Helga Giger, 29.05.2019

Quelle oder Name der Autorin
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Während ich mich auf einer längeren Reise befand, ist ein mir sehr lieber Freund gestorben. Auch seine Beerdigung habe ich verpasst. In Erinnerung an ihn stellte ich fest, dass ich ihn noch so gerne einiges gefragt hätte. Nun ist es zu spät. Aber vielleicht ist es nie zu spät, sich zu überlegen, welche Fragen noch offen geblieben sind. Vielleicht führt das Nachdenken über die verpassten Gelegenheit und die ungesagten Worte unvermutet zu antworten?  In dieser Phase des Nachspürens und Erkennens habe ich meine Gedanken in Liedern festgehlten.

Das Leben ist eine janusköpfiges Geschenk

Die Wundertüte mit dem Inhalt: Überraschung.

Man schüttet dieses Füllhorn vor dir aus

Und du kapierst nicht, was du mit der Fülle sollst.

Erst am Ende siehst du, ob du dieses Puzzle

Verstanden hast und Stück um Stück zum Bild gelenkt,

dein Ich geformt, die eigene Person erdacht

und stirbst dann doch in einem Meer von Fragen.

 

Was wollt ich dich vor deinem Tod noch fragen?

Du nahmst ja so viel Wissen mit ins Grab.

Ich wünschte oft, du hättest mir die Klugheit übertragen –

Oder brauchst du sie auch an deinem fernen Ort?

Ich war so jung, du alt und deine Sicht der Welt mir wichtig.

Neugierig, hungrig, ging ich fort.

 

Auch von dir war ich noch gar nicht satt

Als du mich plötzlich jäh verliesst.

Ich wollte doch noch Jahre dumm in deinem Schatten wandeln,

mich schlicht verlassen auf des Vaters liebevollen Rat.

Und was gab ich? Was wollt’ ich dich noch alles fragen?

Auf welche Frage wüsstest du mir heute Antwort? –
Wohl auf keine!!

 

Auch du hast mich so schnell verlassen -
Nicht eine Seele hielt dich noch zurück.
Du wolltest Antwort, die auch ich nicht wusste.

Dein Leben war kein „Hans im Glück“.

Mit Wut und Schuld bestraftest du mein Leben.

Die Frage war brutal, die Antwort auch.

 

Ach, dir hätt’ ich die Fragen früher stellen sollen

Du starbst erst, als du fraglos, antwortlos nur lagst.

Mich interessierte deine Antwort selten

Und doch erscheint mir heute, dass ich’s mir vergab.

Ich nahm dich wenig wichtig und bereu es jetzt,

denn auch bei dir wär’ Antwort ja gewesen.

Ich hätte fragen sollen, doch zu spät.

 

Auch Freunde geh’n auf diese Reise

Und hinterlassen Fragen, die wie Ringe in der Luft sich kräuseln.

Erinnerung, die mein Gedächtnis schonungslos verklärt,
nostalgisch sich in Poesie verkehrt.

Die steigt dann auf, lässt Kreise schliessen.
Die Antwort wartet auf die Frage, die man selten stellt.



 

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