Wehe, einer tanzt aus der Reihe

Petra Sewing-Mestre, 08.07.2021

Petra Sewing-Mestre
Petra Sewing-Mestre

«Streiten oder lieber die Klappe halten» – Ganz ehrlich? Das ist keine echte Alternative für mich. Viele Konflikte könnten schon im Voraus vermieden werden, wenn man sich bewusst wäre, was jeder so unter «Streit» oder «Klappe halten» versteht.

Die Interpretationen darüber nehmen nämlich viel Raum ein: Während die einen unter «Streit» das Niedermachen und Besiegen des Kampfpartners verstehen, meinen die anderen mit «Klappe halten» die geradezu toxische Harmoniesucht.

Was ist also die richtige Antwort auf die eingangs gestellte Frage?

Vorab: Es ist eigentlich ganz einfach.

Am besten werfen wir dazu einen kurzen Blick auf unsere Urahnen in der Steinzeit.

Die meisten Menschen tun alles dafür, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Noch nach Jahrtausenden steckt ihnen die Angst davor in den Genen. Denn wenn es keine Verständigung mit den Stammesgenossen gab, stand man ziemlich blöd da: Hatte man sich mit der Gruppe verzankt, konnte man sich eben nicht hundertprozentig auf Beistand verlassen, wenn der Säbelzahntiger um die Ecke bog.

Und eigentlich ist es heute noch genauso. Soziale Angepasstheit ist ein hoher Wert in unserer Gesellschaft und in der Erziehung von Kindern. Kinder müssen angepasst sein, am besten nicht auffallen, damit sie möglichst frühzeitig und möglichst gut ins System passen. Wehe, einer tanzt mal aus der Reihe! Und aus angepassten Kindern werden angepasste und harmoniesüchtige Erwachsene, die nicht in der Lage sind, Konflikte produktiv und kompetent zu lösen, ohne ihrem Gegenüber den Schädel einzuschlagen.

Wird ja auch fast nirgendwo gelehrt, weder zu Hause noch in der Schule. Dabei wäre «Schöner Streiten» ein so wichtiges Schulfach. Aus diesen Gründen sind unsere Erfahrungen mit Konflikten eher negativ und meistens verbunden mit Gefühlen wie Wut, Hass, Enttäuschung oder Resignation.

Wir halten uns zurück, sagen nichts, machen unseren Ärger mit uns aus, schneiden uns damit von unseren wahren Gefühlen und Bedürfnissen ab..... bis zur Explosion. Die kommt nämlich irgendwann. Eines Tages kann ich mir das Verhalten des anderen nicht mehr schönreden und meine Bedürfnisse unterdrücken. Der laute Knall fegt wie ein Gewittersturm über den anderen hinweg, der dann nicht weiss, wie ihm überhaupt geschieht. Denn ich habe ja nie etwas gesagt! Eigentlich ziemlich unfair.

Als Kommunikationswissenschaftlerin schaue ich immer genau hin, wenn es in meiner Praxis um Konflikte geht – und das tut es eigentlich immer. Für die meisten Menschen sind Begriffe wie «Konfliktdynamik» oder Konfliktkompetenz» absolute Fremdwörter und dabei wäre es so wichtig, dass wir alle schon möglichst früh lernen, wie richtiges Streiten funktioniert.

Das Schlüsselwort ist hier «Bedürfniserkennung». Man muss keine Angst vor dem Konflikt haben, wenn man weiss, um was es eigentlich dabei geht: Gefühle wahrzunehmen und die dahinter liegenden Bedürfnisse zu erkennen und dann auch MITZUTEILEN!

Und zwar mit der passenden Strategie und Respekt für das Gegenüber.

Wenn du dich alleingelassen oder hilflos fühlst, so hast du ein Bedürfnis nach mehr Verbundenheit und Unterstützung. Spürst du das Gefühl von ausgenutzt oder betrogen sein, brauchst du mehr Aufrichtigkeit und Respekt. Diese Bedürfnisse sind absolut richtig und man kann es lernen, sie aufzuspüren und in Worte zu fassen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sie auch erfüllt werden können.

Kleiner Tipp am Rande: Wenn man sich nicht sicher ist, ob man richtig verstanden hat, was der Partner meint, sollte man Gegenfragen stellen («Habe ich dich richtig verstanden...», «Meinst du es so, dass...»). Das verlängert unter Umständen das Gespräch, verhindert aber die gefährlichen Missverständnisse.

Und dieses produktive Kommunikationsverhalten sollte man sich möglichst schnell aneignen. In langjährigen Partnerschaften kommt es immer wieder zu Lebenssituationen, in denen Konflikte vorprogrammiert sind: Wenn aus einem Liebespaar ein Elternpaar wird, in belastenden Situationen (Arbeitsverlust, Krankheit, CORONA!), wenn ein Haus gebaut wird, die Kinder das Familiennest verlassen oder die Pensionierung am Horizont auftaucht.

Immer wenn sich die Situation für die Partnerschaft erheblich verändert, ist die Chance gross, dass unterschiedliche Lebensvorstellungen und Erwartungen aufeinandertreffen, die Zündstoff für Konflikte bergen. Und dann ist es einfach überlebenswichtig, die Bedingungen für nervenschonende Konfliktlösungen zu kennen.

«Klappe halten» als Lebensdevise mag vielleicht von aussen manchmal schön aussehen. Wirkt so schön rosarot und friedlich.

Trotzdem: Ehrlich und offen über seine Gefühle und Bedürfnisse zu reden tut der Partnerschaft viel besser als die ewige Harmonie. Wir müssen sagen, was uns wichtig ist. Das erfordert manchmal sogar Mut. Wenn du sagen kannst, was hinter deinem Ärger steckt, kann dein Partner damit etwas anfangen. Und ihr könnt das Problem lösen!

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2Kommentare

  • Christa Burkhalter
    10.08.2021 13:45 Uhr

    Liebe Petra
    Lange habe ich, unbewusst, auch diese zwei Streitkulturen gehabt. Im gegenteil, ich komme selbst aus dem Haus "Klappe halten" und eignete mir die " Streit"-Methode an, den ich habe mir damals geschworen, dass ich nicht die "Klappe halten" Methode weiter füren will. Tja so habe ich meine Beiden Methoden, je nach Gegenüber ausgepackt und angewendet. Ohne ein gutes Gefühl dabei zuhaben, wohlbemerkt.

    Gewaltfreiekommunikation / Sei nicht nett, sei echt / Mentaltraining: alles so spannend und ich befasse ich mich schon seit längerer Zeit mit diesen Themen.
    Doch sobald die Emotionen in einem hoch kommen fällt man so schnell in die angeborenen Muster. Alte Muster, die wir, so denke ich, Jahrzehnte lang eingeflösst erhielten. Uf, diese zu lösen und neue Wege zu gehen ist nicht einfach. Drann bleiben, nicht locker lassen immer wieder aufs neue üben und sich reflektieren.
    Mein Ohr ist immer offen für neue gute Tipps ;-) Auf eine gute, wärtschetzende Kommunikation und herzliche Grüsse, Christa

  • 11.08.2021 16:45 Uhr

    Liebe Christa

    "Sobald die Emotionen in einem hoch kommen, fällt man so schnell in die angeborenen Muster" - ja, da stimme ich Ihnen 100prozentig zu.
    Wenn es auch in der Theorie schon einigermassen klappt mit dem "Schöner Streiten", sobald die Emotionen hoch kochen, vergisst man alles und schlägt um sich. Und es geht dann ums Rechthaben und die eigenen Absichten durchzusetzen. Eine Strategie, die natürlich weitere Konflikte schürt. Was ist nun die Lösung? Ich denke, wenn man sich genau darüber im Klaren ist, was Kommunikation überhaupt ist und wie sie funktioniert, ist schon viel gewonnen. Da Kommunikation immer so schnell und automatisch geht, ist das vielen Menschen überhaupt nicht klar. Kommunikation ist immer eine Bedürfnismitteilung, oft verbunden mit einer Handlungsaufforderung an den anderen.
    Das wird aber eben meistens nicht klar kommuniziert, sondern in Vorwürfe, Kritik und Verallgemeinerungen verpackt. Absolut nicht zielführend! Viele Menschen sind auch überhaupt nicht darin geübt, ihre Gefühle wahrzunehmen und dann auch noch die Bedürfnisse hinter diesen Gefühlen zu erkennen. Dieser Schritt braucht Aufklärung und noch mehr Übung, Übung, Übung. Wenn mir klar ist, welches (sprachliche) Verhalten eine gelingende Kommunikation ausmacht, erst dann bin ich auch dazu fähig. Und sogar selbst dann, wenn - wie anfangs erwähnt - die Emotionen zunächst mit mir durchgehen. Dann kann ich nämlich hinterher, wenn sich die Lage beruhigt hat, noch einmal das Gespräch mit mehr Ruhe wieder aufnehmen und auch vielleicht klar benennen, was falsch gelaufen ist.
    Um in einem Konflikt zu einer tragfähigen Lösung zu kommen kann es auch nie funktionieren, wenn ich versuche, meinen Willen dem anderen aufzuzwingen. Nachhaltig ist nur eine Lösung, die für beide Gesprächspartner stimmt - und das braucht auch genügend Zeit.
    Wie ich ja schon erwähnte, bin ich begeistert vom Konzept der Gewaltfreien Kommunikation. In meiner Praxis setze ich es in allen Arten der Konfliktlösung ein. Was mir an dieser Gesprächskultur besonders gefällt, ist auch der Aspekt des "Empathischen Zuhörens". Das bedeutet, dass ich - trotz aller Aggression, die ich vielleicht in mir habe - versuche, die Gefühle und Bedürfnisse meines Gesprächspartners zu verstehen. Jeder hat das Recht auf seine eigenen Bedürfnisse, und in einem Konflikt müssen die Gefühle, Interessen und Bedürfnisse beider Gesprächspartner gesehen werden. Sonst ist die Lösungsfindung unmöglich.
    Wie gesagt, ist hier das Bewusstsein über diese Prozesse und das wiederholte Einüben der Schlüssel zum Erfolg. Wenn Sie noch mehr Informationen zu dem spannenden Bereich der Kommunikation brauchen, melden Sie sich gerne jederzeit bei mir.

    Herzliche Grüsse
    Petra Sewing-Mestre
    Frauenakademie Luzern

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