Wehe, ich lasse los

Hier den Autorennamen eingeben, 05.10.2020

Monika Marti
Monika Marti

Das Gesicht der Sonne nach ausgerichtet liege ich auf dem Rücken. Mit geschlossenen Augen, die Arme weit ausgebreitet, geniesse ich die Schwerelosigkeit. Mein Atem fliesst ruhig, nur das Planschen der kleinen Wellen um mich herum ist hörbar. Sie stupsen mich, als wollten sie mir zurufen: «Komm, spiel mit uns». Ab und zu schwappt ein Schwall Meerwasser über meinen Körper. Ich lasse es geschehen. 

Nach einer Weile richte ich mich auf, betrachte die Gegend, Ufergestein und Palmen. Mein Blick weidet in der Schönheit der Natur. Ich strecke die Beine, versuche mit den Zehenspitzen den Meeresgrund zu ertasten. Es gelingt mir nicht. Zu weit habe ich mich vom Land entfernt. Ich lege mich bäuchlings aufs Wasser und schwimme dem Ufer entgegen. Dabei beobachte ich mich. Zug um Zug nähere ich mich dem Festland. Ruhig. Die Beine bewegen sich synchron, ziehen sich zusammen, öffnen sich. Arme und Hände tauchen in die Wasserfläche ein und trennen diese auf, wie eine Schere, die ein Stück Papier in zwei Teile schneidet.

Vor einem Jahr versuchte dieselbe Frau in derselben Bucht, Herrin über die Angst vor tiefen Wassern zu werden. Sie legte sich ins wohlig warme Nass und erstarrte augenblicklich zur Salzsäule. Anstatt sich von den sanften Wogen wiegen zu lassen, suchten ihre Füsse unaufhörlich den Bodenkontakt. Die Muskeln verspannt, fühlte sich jede Bewegung angestrengt an. 

Die Schwimmerin versuchte sich an der Wasseroberfläche festzuhalten. Schwappte etwas Wasser ins Gesicht, setzte ihre Atmung kurz aus und der bereits verkrampfte Nacken versteifte sich noch mehr. Als wäre sie am Ertrinken, fuchtelte sie mit den Armen, krallte sich mit den Händen am Wasser fest. Die Flüssigkeit zerrann ihr zwischen den Fingern und hinterliess ein Gefühl der Leere. Erschöpft stand sie auf und watete ans Ufer zurück. Sand und Steine kratzen an ihren Füssen. Wie gerne würde sie der Tatsache, dass Salzwasser trägt, Glauben schenken. Sich zutrauen, dass sie sich selber halten kann.

Es erstaunt mich nicht, dass im feuchten Element dieselben Empfindungen aufgetaucht sind, die mich in den letzten Jahrzehnten auch «an Land» auf Trab gehalten haben. Unzählige Male habe ich in letzter Zeit zum Stift gegriffen und versucht, meine Ängste in Worte zu fassen. Ich habe zu Papier gebracht, wie mich das Gefühl, nicht gehalten zu sein, immer wieder einholt und blockiert. Die Empfindung, dass ich im Leben ganz auf mich alleine gestellt bin. 

Mein Schreibbuch ist Zeuge, dass ich meinen Mitmenschen oft ohne Grund misstrauisch gegenübertrete. Denke, dass sie ein hinterlistiges Spiel mit mir treiben. Vordergründig so tun als wären sie mir zugeneigt, mich in Wahrheit aber doof finden. Viele meiner frisch von der Leber weg geschriebenen Texte sind geprägt von Kontrollgedanken. Ich will das Leben beherrschen! Wehe, ich lasse los, lockere die Zügel. Das Pferd könnte galoppierend davonrennen, in eine Richtung, die mir nicht gefällt. Aufschreiben, was mich beschäftigt, Gefühle benennen und aus mir herausfliessen lassen, hat mich mir selber nähergebracht. 

Schreibend habe ich nach und nach erkannt, woher meine Gefühlsblockaden rühren. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges haben sich miteinander verknüpft. Nachdem ich mir das Recht eingeräumt habe eine eigene Denkstruktur zu entwickeln, begann ich, in Worten und mit Bildern einen neuen Menschen zu schaffen. Ich habe mir in Gedanken und auf Papier Flügel verliehen, mich mit Schwingen ausgestattet, die mich durch die Lüfte tragen. Auf mein Herz hören, an mich selber glauben, in die Hände klatschen, ist im neuen Drehbuch zu lesen. 

Durch Selbstgeschriebenes habe ich erlebt, dass Schreiben Erkenntnis verschafft. Damit diese als verändertes Verhalten ins Leben einfliessen kann, muss ich ins Handeln kommen. Mich beispielsweise in die Nähe von Menschen wagen, auch wenn eine Stimme in mir verzweifelt ruft: «Tue es nicht». Den Fuss einen Schritt nach vorne setzen, wenn mein inneres Kind schreit: «Zieh dich zurück, es wird gefährlich». Das Überwinden von blockierenden Glaubenssätzen kostet Mut und erzeugt Angstschweiss, schenkt aber auch Erleichterung. Ich möchte mein altes Leben unter keinen Umständen zurück.

Versuchst du noch mit den Zehenspitzen den Meeresgrund zu ertasten?

Worauf wartest du?

Schreib dich frei.

Ich schreibe, also bin ich

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