Wenn Rotznasen frech werden

Béatrice Stössel, 26.05.2023

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Rotkäppchen war auf dem Weg zur Grossmutter. Der Gugelhupf, den es nach altem Familienrezept gebacken hatte, war wunderbar gelungen, so dass bei jedem Schritt eine süsse Duftwolke aus dem Korb aufstieg und ihre Nase verheissungsvoll kitzelte. Den passenden Rotwein hatte Rotkäppchen ebenfalls dabei. Ein gehaltvoller Primitivo, mit dem Geschmack von Zimt und dunklen Waldfrüchten, den die Grossmutter so liebte. Sie freute sich auf die spannenden Gespräche mit ihr! Als angehende Historikerin wollte Rotkäppchen immer wieder neue Geschichten hören, auch was sich alles in den 68er Jahren abgespielt hatte. Grossmama war bereits damals an vorderster Front dabei und hatte gegen die herrschenden Verhältnisse lautstark reklamiert. Gegen den brutalen Umgang mit den Menschen beim «Prager Frühling», sie forderte das autonome Jugendzentrum in Zürich ein und plädierte ganz klar für die freie Liebe. Heute sollte Rotkäppchen alles rund um die Globuskrawalle hören, die sich dieses Jahr zum 55sten mal jähren.

Noch heute durchforstet die, in die Jahre gekommene, Alt-68erin diverse Tageszeitungen, liest die dicksten Wälzer und stellt sich jeder politischen Diskussion. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie Stellung bezieht. Und manchmal vertritt sie ihre Meinung sehr lautstark. Dieser rebellische Geist war und ist nach wie vor das Markenzeichen ihrer Oma, zum Glück lässt sie hin und wieder bereits etwas Altersmilde durchscheinen.

Beschwingten Schrittes war Rotkäppchen deshalb unterwegs. Ihren Rotschopf, den sie schon immer als rassigen Pagenschnitt trug, leuchtete in der Sonne, so dass man wirklich glaubte, sie hätte ein rotes Käppchen auf und dieser Umstand hatte ihr von Kindsbeinen an den Spitznamen Rotkäppchen beschert.

Am Waldrand blühten weisse Wiesen-Margeriten, wunderbar magentafarbener Klee, das gelbe Windröschen und kobaltblauer wilder Salbei. Behände pflückte Rotkäppchen die Blumen, gab ein paar Grashalme dekorativ dazu und freute sich über den bunten Feldstrauss, den sie der Grossmutter mitbringen konnte. Rotkäppchen schaute auf die Uhr und bemerkte, dass sie sich verspäten würde, wenn sie nicht wieselflink die Abkürzung durch den Wald unter die Füsse nahm. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Rascheln und dann stand er vor ihr. Der Wolf!

Wolf: Wohin gehst du, hübsches Kind?

Rotkäppchen: Wer will das wissen?

Wolf: Ich mein Kind. Ich der müde Wanderer.

Rotkäppchen: Wieso bist du müde?

Wolf: Ich bin schon weit gegangen.

So weit, wie du niemals gehen könntest.

Rotkäppchen: Wer gibt dir das Recht, mich zu taxieren?

Mich und meine Wanderkapazität?

Wolf: Ich bin doch der Ältere von uns beiden.

Also habe ich das Vorrecht, dich zu taxieren.

Rotkäppchen: Und du glaubst, dein Alter gibt dir das Recht mich einfach klein zu reden? Vielleicht auch noch, weil ich eine Frau bin?

Wolf: Werde nicht frech, du Rotznase. Du weisst wohl nicht,

wen du vor dir hast?

Rotkäppchen: Wen habe ich denn vor mir?

Wolf: Was, du weisst nicht wer ich bin? Das kann für dich

aber bös ins Auge gehen.

Rotkäppchen: Ach weisst du, so schnell geht bei mir nichts ins Auge.

Und schon gar nicht hier im Wald. Hier kenn ich mich aus.

Wolf: Wohl kaum, sonst wärst du nicht vom Weg abgekommen!

Rotkäppchen: Hab’ ich dich nach dem Weg gefragt?

Wolf: Du wirst es gleich tun, das weiss ich.

Rotkäppchen: Typisch Mann! Eine tiefe Stimme, markante Gesichtszüge und eine starke Körperbehaarung. Sofort glaubt ihr immer alles zu wissen.

Wolf: Du dreistes Frauenzimmer, pass bloss auf sonst ... !

Rotkäppchen: Sonst ...?

... und wenn sie nicht gestorben sind, diskutieren sie noch heute!

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