Wir schmollen uns ausgiebig an

Renate Schwertel, 29.03.2022

Renate Schwertel
Renate Schwertel

Ich bin auf Madeira und genieße einen einwöchigen Wanderurlaub mit meiner Freundin Petra. Es geht hoch und runter, denn Madeira ist verflixt hügelig. Das letzte Teilstück heute hat es in sich und nach der langen Strecke bergab streiken meine Knie.

Ich rede ihnen gut zu, versuche, sie zu beruhigen und milde zu stimmen. Das ist eine Angewohnheit von mir, mit meinen schmerzenden Körperteilen zu reden und ich stelle verzagt fest, dass diese Gespräche in letzter Zeit, seit ich auf die 70 zugehe, doch stark zugenommen haben.

Meine Knie teilen mir grimmig mit, dass sie nun doch wirklich zu alt sind für dieses ewige hoch und runter und es jetzt endlich Zeit ist, auf ebene Spaziergänge zu setzen. Ich setze auf Suggestion und teile meinen Knien mit, dass wir jung sind, fit und unternehmungslustig. Das klappt nicht so richtig und wir schmollen uns ausgiebig gegenseitig an.

Für den Abend ist in der Bar des Hotels eine Band angekündigt. Da will ich hin, das will ich mir ansehen. Meine Freundin Petra und ich sind uns da einig, unsere 4 wehen Knie nicht so sehr. Wir versprechen ihnen, still auf unseren Stühlen zu sitzen und keinesfalls in die Nähe der Tanzfläche zu kommen.

Wohlgemut ziehen wir los und sitzen mit einem Glas Wein fröhlich an der Bar. Aber die schlechte Laune meiner Knie überträgt sich so langsam auf mich. Ich werde kleinlaut und denke, wenn sich die Knie schon derart abgenutzt und zickig aufführen, vielleicht ist auch der ganze Rest bald nicht mehr zu gebrauchen.

Die Band spielt sich mit bekannten Songs durch die letzten Jahrzehnte und der Sänger schaut immer mal in unsere Richtung. Irgendwann drehe ich mich um. Ich will mal sehen, welche junge, tolle Frau oder welcher gutaussehende junge Mann da hinter mir sitzt. Ich suche den Raum hinter mir nach dem Subjekt des Interesses ab. Aber da ist niemand und ich bin geschockt. Auch meine Knie sind ganz verdutzt und haben darüber für einen Moment ihren Protest aufgegeben.

Nachdenklich drehe ich mich um und langsam kommt mir der Verdacht, dass ich gemeint sein könnte, dass der Sänger mich angesungen hat. Jetzt fühle ich mich wirklich alt, weil ich so überrascht bin und gleichzeitig ganz schön jung. „Siehst du“, flüstere ich meinen Knien zu, „geht doch. So alt sind wir nun auch wieder nicht“.

Sie rumoren noch ein bisschen, glauben mir meine Formel „jung, fit, unternehmungs-lustig“ nicht so recht, aber den Rest des Abends sitzen meine Knie und ich einträchtig und halbwegs versöhnt zusammen, hören Musik, summen ein bisschen mit, genießen den Abend mit unserer Freundin und ab und zu kichere ich still und vergnügt in mich hinein.

Sonst ist nichts passiert an diesem Abend. Wir wollen es mal nicht übertreiben.

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