Xanax ist kein Sportclub....

Meta Zweifel, 29.01.2020

Meta Zweifel
Meta Zweifel

Frühstück, dazu Informationen aus der  Zeitung. Und da bleibt einem doch plötzlich der „Gomfi“-Brot-Bissen im Hals stecken: Beim Bahnhof einer Baselbieter Ortschaft wurde ein 12-Jähriger aufgegriffen. Völlig zugedröhnt, nicht mehr fähig, selbständig zu sitzen oder zu stehen. Im Spital wird klar, was mit dem Jungen los ist: Er hat sich mit dem  rezeptpflichtige Beruhigungsmittel Xanax abgefüllt. Mit einem Medikament, das aktuell in der so genannten Jugendszene gerade ein Renner zu sein scheint. Xanax soll ein – pardon – Leck mich am A.... - Gefühl hervorrufen. Ein angenehmes Total-Egal-Gefühl, das  den  Alltagsdruck und den  Schulstress für eine kurze, euphorische Weile hinwegspült. Beängstigende Erkenntnis: Der im Geschäftsleben mit seinem unseligen Karrierestress geläufig auftretende  Begriff << Burnout>> kommt jetzt auch im Umfeld Schule zur Anwendung. Man spricht tatsächlich  von Schul-Burnout.

Literarische Werke und vor allem die Erinnerungskultur  machen klar, dass die Schule nie nur eine problemfreie Bildungsstätte war. Körperstrafen, unfähige Lehrpersonen, falsch gezüchteter Ehrgeiz, Noten- und Versagensangst, Mobbing, Unverständnis, Missachtung der Menschwürde, ein übles Spiel von Bevorzugung und Herabsetzung... die Liste der Fehlleistungen ist lang. Gelobt seien jedoch all  die vielen Lehrerinnen und Lehrer, die mit Begeisterung unterrichteten und aus Lehrstoff Nährstoff für den Geist machten.

Menschen, die mit Einfühlungsvermögen neben Bildung auch Charakterbildung zu vermitteln verstanden und für Kinder und Jugendliche Verantwortung übernahmen.

Jahrzehnte sind vergangen, seit der Rektor des einstigen Mädchengymnasiums in Basel  in seiner Ansprache zur Begrüssung der neuen jungen Schülerinnen einen Vers aus einem alten Handwerksburschenlied zitierte: "Mancher hat auf seiner Reis auszustehen Müh und Schweiss und Not und Pein. Das muss so sein. "  Der Rektor, ein gestrenger, aber auch weiser und gütiger Mensch, wollte den kleinen Gören deutlich machen, dass einem in der Schule wie später im Leben selten etwas geschenkt wird. Sondern dass eben auch Fleiss, Anstrengung, Versagen und Neubeginn dazu gehören.

Schulkinder, die heimlich auf dem Pausenplatz ein starkes Beruhigungsmittel einwerfen...was geht da vor? Könnte es sein, dass sie noch nicht gelernt haben, dass die Schule und das Leben zuweilen "Not und Pein" mit sich bringen, und dass man sich dem Unvermeidlichen immer wieder stellen muss? Oder sind die Anforderungen der Schule zu hoch, überlagert der Stress jegliche Lust am Lernen? Oder frisst die sich geradezu epidemisch ausbreitende digitale Entwicklung den Heranwachsenden früh schon Energien weg, die sie zu ihrer Entwicklung dringend nötig hätten? Lässt man sie in der schwierigen pubertären Selbstfindungsphase zu sehr allein?

Die Diskussion ist nicht neu, wird  aber nun sehr wahrscheinlich mit neuer Intensität aufflammen: Wer ist schuld, wer trägt die Hauptverantwortung? Ist es die Schule mit ihren Überforderungstendenzen oder das Elternhaus mit seinem sich immer stärker ausprägenden  Mangel an Stabilität? Ist es die Digitalisierung oder der Klimawandel, der in ein allgemeines Angst-Klima einmündet?

Wie immer ist die Versuchung gross, einen Schuldigen zu finden und ihm allein die Verantwortung zuzuschieben. Anstatt sich dem ungemein schwierigen Sowohl-Als-Auch zu stellen und auf allen Ebenen tätig zu werden. Im Grunde ist jeder Einzelne haftbar, jeder in seinem Hier und Jetzt und Heute. 

 

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