Zora Debrunner - Vom ekelhaften Geruch der Masken

Zora Debrunner, 26.06.2020

Zora Debrunner
Zora Debrunner

Natürlich “wusste” ich, dass Corona nicht "wie eine Grippe” ist. Ich weiss, wie ich meine Hände korrekt desinfizieren muss, worauf ich achten muss, wenn ich eine Maske aufsetze. Wie ich unser Pandemiekonzept umsetze, worauf wir als Team achten müssen. Das sind alles Handlungen, die, wenn man sie öfters macht, schnell begreift und automatisiert vollführt. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass Masken und Desinfektionsmittel plötzlich Mangelware werden, dass Menschen diese stehlen oder sich in Geschäften darum prügeln. Für uns Pflegende sind dies alles Werkzeuge, vergleichbar mit Hammer, Schraubenzieher und Säge für Handwerker.

Ich hatte aber keine Ahnung, was Corona für uns Pflegende und Begleitpersonen in der stationären Betreuung mit sich bringen würde. In einundzwanzig Jahren Berufstätigkeit habe ich keine Situation wie diese erlebt.

Schleichend hat sich unser Arbeitsalltag verändert. Betreute Menschen dürfen mit einem Mal nicht mehr nach Hause, ihre Kontakte wurden eingeschränkt. Therapien gestoppt. An allen Ecken und Enden flammen leise, aber heftig Konflikte und Ängste auf. Es scheint, als würden dank Corona alte Wunden aufbrechen, Sorgen und Ängste neu entflammt. Corona zeigt uns unsere Grenzen auf.

Mitten drin: wir Pflegenden. Wir sind die Anlaufstelle für all jene Sorgen, die Angehörige nicht mit unseren Klienten besprechen können oder wollen. Das gehört zum Beruf dazu. Und dennoch ist es anders als sonst.

Der Shutdown zehrt an den Nerven der Menschen. Da sind all die Angehörigen, die sich grosse Sorgen um ihre Kinder/Geschwister/Familienmitglieder machen. Die genau wissen, dass wir Mitarbeitenden das grösste Risiko sind. Dass es an unserem Verhalten liegt, damit wir die Krankheit nicht im geschützten Rahmen unserer Institutionen verbreiten. Das ist Verantwortung und Belastung. Sie lässt einen fast nicht mehr atmen.

Dass sich unsere anvertrauten Menschen und ihre Liebsten nicht mehr treffen, umarmen, streicheln und herzen dürfen, setzt allen zu. Das Besuchsverbot erlebten viele als absolut grenzüberschreitend, wenn auch verstandesmässig als gerechtfertigt. Es geht ja schliesslich um jene, die sich nicht wehren können. Dennoch. Es ist nicht ok. Dass sich Menschen, die sich gerne haben, nicht mehr einfach so sehen und umarmen dürfen, ist eine Verletzung der Menschenwürde. Durch nichts kann man dieses Verbot rechtfertigen und wir wissen heute noch nicht, wie viele Leben dies gekostet hat. Nie zu vor habe ich so viele ethisch-moralische Gespräche mit besorgten Eltern, Angehörigen oder Berufskollegen geführt. Corona verändert alles.

Eine Freundin, die in der Alterspflege arbeitet, berichtete mir, wie sie die Coronakrise mit ihren betreuten Menschen erlebt hat. Viele der Menschen, die sie begleitet, sind sich bewusst, dass sie an der letzten Station ihres Lebens angekommen sind. Sie sind bereit zu gehen, sei es mit Corona oder einfach so. Jeder muss irgendwann sterben. Doch “so” einfach ist es nicht.

Was bedeutet es für die Pflegenden einer Abteilung, wenn innerhalb weniger Tage einfach fünfzehn von fünfundzwanzig betreuten Menschen sterben würden? So viel Abschied, so viel geballtes Loslassen innerhalb von wenigen Stunden? Wie kann man das aushalten, vor allem, wenn man seinen Job ernst nimmt? Wir sind keine Roboter.

Alte Menschen, die ihre Partnerinnen und Partner, Kinder, Enkel, Verwandten nicht mehr sehen durften, keine menschliche Nähe mehr erleben konnten, sind so wahrscheinlich schneller gestorben. Die Narben, die dies bei den Hinterbliebenen hinterlässt, können wir (noch) nicht ergründen. Äusserungen von besonders klugen Menschen wie “die wären ja eh gestorben, weil Risikogruppe” tragen da wenig zu einer Debatte unter Erwachsenen bei.

Wir Pflegenden stehen zwischen den Welten. Da sind einerseits unsere Bewohnerinnen und Bewohner, Klientinnen und Klienten, Patientinnen und Patienten, je nach dem, wo und wie wir arbeiten. Um sie kreist unser Arbeitsalltag. Ihnen soll es gut gehen. Die einen sollen gesunden, Lebensqualität erleben. Sie werden begleitet, am Ende ihres Lebens oder in der Blüte ihrer Jugend. Wir gehen auf sie ein, sind ihnen ein echtes, empathisches Gegenüber, unterstützend, fördernd, motivierend. Wir halten Sorgen, Ängste und Wut aus, aber auch Unverständnis. Wir versuchen zu erklären, warum sie Mami und Papi, den geliebten Freund oder die Freundin, die eigenen Kinder, ihre Familie nicht mehr sehen können. Warum der Kontakt nur via Skype stattfinden kann. Bemerken, dass virtueller Kontakt keine wahre menschliche Nähe ersetzen kann.

Doch wie soll Lebensqualität gelebt werden, wenn man nicht mehr einfach so berührt, umarmt und geküsst wird, fast keine menschliche Nähe durch Familienangehörige spürt? Und ja, ich weiss. Basale Stimulation. Sinneserlebnisse. Wichtiger denn je. Dennoch bleibt es eine leere Floskel, wenn die betroffenen Menschen nicht mehr selber entscheiden können, wer in ihrer Nähe sein soll.

Corona macht etwas mit mir. Ich fühle mich nicht mehr wohl unter vielen Leuten. Ich habe den Eindruck, ausserhalb meiner Arbeit nicht mehr wirklich sozial agieren zu können. Menschen, die ich vorher umarmt und geherzt habe, gebe ich nun nicht mal mehr die Hand. Distanz in einem Moment, wo ich einfach umarmt werden möchte, so wie vorher.

Das Gefühl, Verantwortung für andere zu tragen mit meinem Handeln, ist sehr präsent. Wo halte ich mich auf? Wen treffe ich? Was mache ich, wenn ich Fieber kriege? Wenn ich keine Luft mehr kriege? Wenn ich plötzlich sehr krank werde, andere anstecke? Schliesslich geht es ja nicht “nur” um mich alleine. Gerade wenn ich “vulnerable” Menschen betreue, wiegt die Verantwortung noch schwerer. Kann ich es verantworten, mich voll auszuleben, mich irgendwo anzustecken und damit Anvertraute und KollegInnen zu gefährden? Und: wie tief wiegt die Scham, andere krank zu machen?

Wir Pflegenden in verschiedenen Berufen halten aus. Wir skypen mit unseren anvertrauten Menschen. Verbreiten positive Stimmung. Doch auch wir sind nur Menschen. Da sind auch Sorgen um unsere eigenen Verwandten. Sehnsucht nach Nähe, nach Liebe. Der ekelhafte Geruch der Masken, die wir zu lange tragen. Der Schwindel, wenn wir nach x Stunden Maske tragen zuwenig Sauerstoff kriegen. Kopfschmerzen. Der Schweiss, weil es langsam wärmer wird und die Lüftung kacke ist. Trotz allem das Gefühl, im genau richtigen Beruf zu sein, sein Können zu zeigen, weil plötzlich so vieles, was vorher selbstverständlich war, wegfällt. Weil die Welt innerhalb weniger Wochen eine andere ist, auch wenn viele andere das nicht wahrnehmen wollen.

Eine Freundin hat mich vor ein paar Tagen darauf angesprochen, warum ich mich derart zurückziehe und praktisch “enthaltsam” lebe. Kein Mensch könne von einem anderen erwarten, dass er sein Leben derart auf Sparflamme lebe, nur um das Leben von anderen zu schützen. Erst recht nicht während einer Pandemie. Sie hat Recht mit ihrer Frage und sie lässt nachdenklich zurück. Ich habe keine Antwort.

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