ANDERS. ABER BESSER.

Monika Marti-Neuenschwander, 19.04.2018

Monika Marti
Monika Marti

Genüsslich auf der weichen Polstergarnitur tasten meine Finger gedankenversunken nach einer Praline. Das mit kleinen Köstlichkeiten gefüllte silberne Körbchen, das einladend neben mir auf dem kleinen Tischchen steht, regt zum Geniessen an. Die kleine erhaschte Süssigkeit gleitet kaum bewusst wahrgenommen in meinen Mund. Er zergeht in seiner ganzen Herrlichkeit auf meiner Zunge und erfreut mein Gemüt mit seiner zartschmelzenden Konsistenz. Das eine Bein baumelt lässig über die ausladende Armlehne – das Andere lugt keck in die Höhe. Luftig und leicht bekleidet kuschle ich mich in die mit Samt bezogene Sitzgelegenheit. Ein Buch in der Hand, den Blick selbstvergessen auf die Worte und Zeilen gerichtet folge ich dem Inhalt der Geschichte. Meine Aufmerksamkeit wird durch ein plötzlich auftretendes Geräusch im Hintergrund abgelenkt. Ein dampfendes Bügeleisen verrichtet seinen Dienst im Nebenzimmer. Mein Sohn macht den Falten in seinen vom Waschvorgang zerknitterten Hemden den Garaus. Dazu pfeift er vergnügt. Zufrieden nasche ich weiter. Ich attestiere dem jungen Mann Können und Geschick. Seit er sich der Bearbeitung seiner Hemden nach dem Trocknen selber angenommen hat, sind diese in der Tat nach dem Bügeln faltenfrei. Leise schimmert sein kürzlich geäusserter Satz durch meine Gedankenwelt: Eine Mutter, die ihren Sohn seine Hemden selber bügeln lässt, hat definitiv etwas vom Leben verstanden. Zufrieden rücke ich mich in meinem Armlehner zurecht und döse vor mich hin. Plötzlich übermannt mich der Schlaf und ich träume von vergangenen Zeiten:  

Entsetzt stehe ich vor meinen drei kleinen Kindern im Garten, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Sie streiten sich. Die eine Tochter hebt die Hacke in die Luft und will der andern damit beweisen, wer in der Streitfrage im Recht ist.  Gott sei Dank kann ich rechtzeitig eingreifen und die Gefahr bannen. Anschliessend widme ich mich dem stinkenden Wäscheberg, verarbeite Kartoffeln und Rüebli zu einem gut verdaulichen und wohlschmeckenden Brei für den jüngsten Spross der Familie. Nach dem aufreibenden und zeitaufwändigen Wocheneinkauf mit meinen temperamentvollen Nachkommen reisst mein Geduldsfaden endgültig. Eine kleine Meinungsverschiedenheit führt zu einem lauten Wortwechsel. Meine Kinder schauen mich verdutzt an. Unsanft nehme ich sie an der Hand und schleife sie ins Kinderzimmer. Das Abend-Ritual ist angesagt. Zähne putzen, Gesicht und Füsse waschen, Geschichte erzählen. Gute-Nacht-Kuss. Ruhe. Endlich. Völlig erschöpft sinke ich wenig später selbst ins Bett. Irritiert über meinen Frust. Enttäuscht darüber, dass das Leben, das ich ausgewählt habe, mich nicht glücklich macht. Dabei wollte ich alles besser machen. Einer zerrütteten Familie entsprungen ging ich davon aus, dass es ein Leichtes sein würde, mit der richtigen Gesinnung das Familienleben intakt zu halten. Ich würde mein Bestes geben. Nicht müde werden. Immer geduldig sein. Das Ohr stets offenhalten. Verständnis und eine nie enden wollende Liebe würde mein selbstloses Wesen auszeichnen. Dass dieser innige Wunschtraum nicht in Erfüllung gehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

Verwirrt erwache ich aus dem Tiefschlaf. Ich rücke meine Kleider zurecht. Drücke meine verlegenen Haare in Form. Froh, dass der Traum aus früheren Zeiten ein Ende gefunden hat. Das Dampfen im Nebenzimmer hat aufgehört. Erneut greife ich nach meiner Lektüre und lausche gebannt den Worten der Protagonisten im Buch. Meine Hand heischt nach dem silbernen Körbchen. Eine weitere Praline verzückt meinen Gaumen. Ein Gefühl der Dankbarkeit nimmt von mir Besitz. Nach den vielen Jahren der Anstrengung im Dienst der Familie habe ich so viel Freiheit nicht erwartet. Das Leben hat sich nicht immer so verhalten, wie ich es mir vorgestellt habe. Anders. Aber besser.

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