Eieiei

Werner Brechbühl, 17.05.2018

„Es ist ja klar, dass Bachmanns auch ein neues Auto kaufen mussten. Schau dir nur diesen Protzschlitten an.“ Frau Süsskind war vom Frühstückstisch, an dem sie mit ihrem Mann und dem dreijährigen Yannick sass, aufgestanden und deutete mit verkniffenem Gesicht durch das Fenster auf ein grosses, silberfarbenes Auto, das auf dem Parkplatz des Doppeleinfamilienhauses stand. „Kaum haben wir uns einen Wagen angeschafft, müssen die gleich nachziehen. Und natürlich muss er noch teurer sein.“

Herr Süsskind, der sich eben ein Dreiminutenei in den Eierbecher getan hatte, erhob sich halb von seinem Küchenstuhl und schaute ebenfalls durch das Fenster. „Ah ja, der ist tatsächlich viel teurer als unserer.“ Er setzte sich wieder. „Der Bachmann verdient halt fast das Doppelte wie ich. Aber wir haben alles, was wir brauchen, uns geht es gut. Mir ist es egal, was die sich kaufen.“

Frau Süsskind hob eine Augenbraue. „Mir nicht. Mich regt das einfach auf.“

Herr Süsskind wandte sich wieder seinem Ei zu. Er hielt es mit einer Hand fest, nahm sein Frühstücksmesser in die andere und schlug mit der Klinge zögernd etwas unterhalb der Spitze auf die Schale. Es entstand nur eine kleine Spalte. Er brummelte etwas Unverständliches vor sich hin und schlug kräftiger zu. Die Schale riss tief ein, und der Eidotter quoll gelblich über den Becherrand auf das weisse Tischtuch. Erschrocken sah Herr Süsskind seine Frau an. „Das wollte ich nicht, tut mir leid.“ „Daran zweifle ich nicht“, meinte sie und verzog verächtlich die Mundwinkel. „Ei kaputt, Ei kaputt“, begann Yannick zu singen und klatschte in die Hände.

 Am nächsten Sonntagmorgen sass die Familie wieder beim Frühstück. Herr Süsskind legte plötzlich sein Messer auf den Tisch zurück und schaute seine Frau mit gerunzelter Stirne an. „Bekomme ich heute kein Ei?“ „Doch, doch, mein Lieber“, sagte Frau Süsskind. „Nur einen Augenblick.“ Sie stand auf, ging zu einem Wandschrank und kam mit einem länglichen Paket mit gelber Schleife zurück. Sie legte es ihrem Mann neben den Teller. „Pack es aus, es ist ein Geschenk für dich.“ Herr Süsskind riss das farbige Papier auf. Ein eigenartiger, metallener Gegenstand kam zum Vorschein. „Was soll ich damit?“, fragte er und schüttelte verwundert den Kopf. „Das ist ein Eierschalensollbruchstellenverursacher.“

Er starrte auf das Ding und machte vor Überraschung mehrmals den Mund auf und zu. „Ein Eierschalen... ein Eierschalenwas?“ Sie wies mit einer Kopfbewegung auf das Ding. „Damit packst du jedes Ei beim Kragen. Und ich muss das Tischtuch weniger häufig waschen. Lies mal die Gebrauchsanweisung.“ Er faltete den Beipackzettel auseinander und las laut vor:

Setzen Sie KLACK, den Eierschalensollbruchstellenverursacher auf Ihr gekochtes Ei und lassen Sie die Schlagkugel am Führungsstab frei fallen. Nach dem hörbaren „Klack“ können Sie nun den Eierdeckel abheben. KLACK ist ein Eierköpfer, mit dem Sie Ihre gekochten Eier rasch und ohne grosse Mühe geniessen können.

„Und das soll funktionieren?“ Er verengte seine Augen zu Schlitzen. „Da bin ich skeptisch.“ „Warts nur ab“, meinte Frau Süsskind. Sie verschwand in der Küche und kam mit einem gekochten Ei samt Becher zurück. Beides stellte sie vor ihm auf den Tisch. „Los, jetzt bist du dran. Ich habe ein Luxusmodell gekauft. Bachmanns haben so etwas sicher noch nicht.“

Herr Süsskind warf noch einmal einen Blick auf die Anweisung. Die Metallkappe passte genau auf die Eispitze. Er schob die Kugel nach oben und liess sie nach kurzem Zögern los. Klack. Die Schale war exakt ringförmig durchtrennt. Er stiess einen anerkennenden Pfiff aus. „Das habe ich ja richtig gut hinbekommen. Danke, mein Schatz. Holst du mir bitte noch das Salz?“ „Ich will auch ein Ei köpfen“, machte sich Yannick bemerkbar. Herr Süsskind fuhr seinem Sohn milde lächelnd durch die Wuschelhaare. „Dafür bist du noch zu klein.“ Yannick zog eine Schnute und versetzte dem Tischbein einen Tritt.

Am nächsten Tag sass Frau Süsskind im Wohnzimmer und las ein Buch von Paul Watzlawick. „Anleitung zum Unglücklichsein“. Eine Freundin hatte es ihr empfohlen. Das erspart dir glatt eine Therapie, hatte sie gesagt. Aber je länger Frau Süsskind las, desto mehr ging ihr der ironische Schreibstil auf die Nerven. Klugscheisser, dachte sie und legte das Buch weg. Erst in diesem Augenblick wurde sie gewahr, dass der Kühlschrank piepste. Hastig stand sie auf und rannte durch den Korridor. Ihr Kiefer klappte herunter, als sie das Chaos in der Küche sah. Die Kühlschranktüre stand weit offen, davor ein Stuhl. Yannick sass auf dem Boden, den Eierschalensollbruchstellenverursacher in den Händen. Ein leerer Eierkarton lag neben ihm. Überall zerbrochene Schalen und eine gelbglibberige Eiersauce.

Yannick sah begeistert zu seiner Mutter auf und klatschte in die Hände. „Schau Mami, ich bin nicht mehr klein, ich kann auch Eier köpfen!“

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