Elf Jahre

Elisabeth Neuhold Büchel, 22.03.2018

Ja! Laut und deutlich hat sie es gesagt. Das belustigte Murmeln und Kichern, das durch die Kirchenbänke ging, nahm sie nicht wahr. All ihre Sinne waren auf dieses JA ausgerichtet. Sie wollte mit diesem Mann zusammen sein. Für immer und ewig. Nie vorher war sie sich einer Sache so sicher gewesen. Er ist der Richtige für mich – ich bin die Richtige für ihn. Sie fühlte sich geborgen und sicher wie auf einem Frachtschiff im weiten Ozean. Er würde sie beschützen, für sie da sein, sie verteidigen, sie beraten, ihr helfen, sie lieben. Ihr die Steuererklärung ausfüllen, den Rasen mähen, das Fahrrad reparieren, für ihre Kinder eine Baumhütte bauen. Ihr Blumen bringen, den Rücken mit Sonnencreme einmassieren, ihr beim Abwasch helfen, sie ab und an zu einem romantischen Abendessen einladen, für sie seinen Freunden absagen, ihr zuhören, sie verstehen. Er würde ihr Freund sein, mit ihr herumblödeln, sie ernst nehmen. Er würde ihr sein Herz schenken, sie mit seinen grossen Männerhänden liebkosen, ihr Komplimente machen, ihr am Sonntag den Kaffee ans Bett bringen. Er würde ihr ihre Freiheit lassen, Verständnis für ihre Weiberabende haben, ein gutes Einkommen einbringen, ihre neue Frisur bemerken und das neue Sommerkleid loben. Und sie – sie würde ihn dafür lieben. Ja!

Nein! Leise, aber bestimmt sagt sie es. Das betroffene Schweigen ihrer Familienmitglieder, sein zusammengekniffener Mund und den gesenkten Blick nimmt sie nicht wahr. All ihre Sinne sind auf dieses Nein ausgerichtet. Sie ist sich ihrer Sache ganz sicher, braucht nicht nach Worten zu ringen.  Er ist der Falsche für sie. Nein, es gibt keine gemeinsame Zukunft. Er engt sie ein, er überwacht sie, er behandelt sie, wie ein unselbstständiges Wesen, er nimmt sie nicht ernst. Er ist unsexy mit Küchenschürze, total absorbiert, wenn er am Computer sitzt. Er arbeitet zu viel. Er fragt sie aus, will alles von ihr wissen. Seine Komplimente sind nicht ehrlich gemeint. Er ist total auf sie fixiert. Er ist kindisch. Er bringt ihr Kaffee, wenn sie lieber Tee hätte, schöpft nach, wenn sie satt ist. Er spielt lieber mit den Kindern als mit ihr ein Glas Wein zu trinken. Er gibt klein bei, wenn sie ihn herausfordert. Er hat sich selber aufgegeben. Er hat nicht mal mehr Freunde. Er ist ein Langweiler, immer darum bemüht, alles richtig zu machen.

Er hebt den Blick und schaut sie an. Ich habe dir mein Herz gegeben. Was willst du noch?

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