Geburtstagsfest der Sonderklasse

Petra Lienhard, 19.04.2018

Das Geburtstagsdatum rückt näher und näher. Meine Gedanken befassen sich nur widerwillig damit. Gut, die Einladungen sind verschickt, die Getränke und das Dessert sind ebenfalls besorgt. Um den Rest kümmert sich meine Schwiegertochter Melissa.

Ob das wirklich eine so gute Idee war, die Einladung nur an die Familie, engste Freunde und die wenigen Verwandten zu verschicken? Zweifel schossen wie Pfeile durch meinen Kopf. Kann das denn gut gehen? Meine beiden Söhne mit ihren Kindern treffen an diesem 70zigsten Geburtstag nach sehr langer Zeit wieder einmal zusammen. Zuletzt unterstützten Michael und Oliver mich als gestandene Männer an meiner Seite bei der Beerdigung von Mathias, meinem Mann, ihrem Vater! Die Stimmung vom Todestag bis zur Beerdigung war niederdrückend. Zwischen den beiden Söhnen herrschte eine ungeheure Anspannung. Jeder versuchte, die eigenen Emotionen im Zaum zu halten. Ich selber stand immer noch unter Schock, denn ich konnte es einfach nicht begreifen, dass nach 47 Jahren mein vertrautes Leben mit Mathias plötzlich auf einen Schlag zu Ende war. Die Trauer um meinen Mann machte mir ausserordentlich zu schaffen, obwohl ich bei ihm war, als er sein Leben aushauchte. Ich war wie betäubt. Trotzdem versuchte ich meiner eigenen Verunsicherung Stand zu halten. Fragen, wie „Was wird jetzt aus mir?“, „Wie geht mein Leben nun weiter?“ beschäftigten mich. Zudem machte mir die geballte Spannung zwischen den beiden Söhnen schwer zu schaffen.

Wie wird sich das nun am Geburtstagsfest auswirken? Wird durch ihre brüderliche spannungsreiche Feindschaft die Stimmung gekillt? Szenen aus längst vergangenen Tagen liefen wie ein Film vor meinen Augen ab. Selbst im Schlaf beschäftigte ich mich intensiv mit diesem Thema. Ich schwanke zwischen Abwarten und Absagen. Ich entschloss mich, abzuwarten. Was soll schon passieren? Beide Söhne werden sich eher zusammenreissen, als sich eine Blösse vor den Verwandten und meinen Freunden zu geben!

Nun ist er da, der Geburtstag. 70 Jahre also. Ich fühle mich überraschend gut. Keine Gedanken mehr wegen Schwierigkeiten durch meine beiden Jungs. Das wird alles schon gut gehen! Meine Freundin Silvia ist bei mir, und wir schwelgen noch in Erinnerungen an damals, als unsere Kinder noch klein waren. Bevor wir aufbrechen, kommt ein WhatsApp mit der Nachricht, dass wir abgeholt werden. Und schon klingelt es an der Haustüre, ein Mann teilt mir mit: „Ihre beiden Söhne haben mich beauftragt, Sie und Ihre Freundin abzuholen.“ Wir ziehen uns rasch Mantel und Schuhe an und folgen dem Mann, „Nur keine Eile, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.“ Und dann kann ich es kaum fassen: Vor meiner Haustür steht eine riesige weisse Stretch-Limousine. Ganz allein für meine Freundin und mich! Ich wende mich dem Chauffeur zu. „Oh, bitte Fotos machen, bevor wir einsteigen!“ Gallant nimmt er mir den Fotoapparat ab. „Natürlich, gerne!“ Dann sitzen wir in diesem unglaublich feudalen Auto, gigantisch, mindestens 8 Personen hätten darin Platz. Es sieht aus wie in einem kleinen Wohnzimmer, in einer Ecke dazu noch eine Bar. Es funkelt und glitzert von der Decke, Musik erklingt, und auch Champagner wird serviert.

Was für eine Riesenüberraschung, ein Geburtstagsgeschenk der Sonderklasse! Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Ich danke meinen beiden Jungs und ihren Familien für diese absolut grossartige Idee. Und ich bin mächtig stolz auf meine wundervollen, wohlgeratenen Söhne.

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