Liebes Schwesterherz

Monika Marti-Neuenschwander, 10.12.2018

Weihnachten war für mich immer eine schwierige Zeit. Ich fühlte mich in diesen Tagen besonders einsam und verlassen. War es, weil ich in «keiner richtigen» Familie aufwuchs? Meine Eltern waren geschieden. Meine Mutter psychisch krank, mein Vater mit einer neuen Frau verheiratet. Ich wuchs mit 2 von meinen Geschwistern bei einer ledigen Tante auf.

Die Festtage waren unter anderem kein Grund zur Freude, weil wir aus religiösen Gründen keinen Christbaum schmücken durften. Weihnachten – ein heidnisches Fest. Aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Freikirche hatten wir keinen Besuch von Menschen, die sich ausserhalb dieser Gemeinschaft bewegten. Wir Kinder sassen jeweils am Weihnachtsabend zu dritt bei einem feinen Essen mit unserer Tante am Tisch. Es wurde kaum gesprochen. Und wenn – nicht über Persönliches. An Weihnachten 1986 betete ich zu Gott und flehte ihn an: Ich will keinen einzigen Weihnachtstag mehr dieser Art erleben.  Diese Trostlosigkeit halte ich nicht mehr aus. Bitte schaffe Abhilfe.

Knapp 1 Jahr später - am 12. Dezember 1987 lernte ich meinen Mann kennen. Nach 13 Tagen – am Weihnachtstag 1987 – haben wir beide uns einander versprochen. An Weihnachten 2018 jährt sich unser Verlobungstag also zum 31igsten Mal. Pünktlich neun Monate nach der Hochzeit wurde unsere Tochter Eva geboren. Ein Jahr später ihre Schwester Carmela. Nach weiteren 2 Jahren gesellte sich Patrice dazu. Mein Wunsch nach einem heilen und besinnlichen Weihnachtsfest nahm in den Jahren der Familiengründung weiterhin einen grossen Stellenwert ein. Jahr für Jahr begann ich bereits im Herbst das Fest zu planen. Es wurde gebastelt, geschmückt und gebacken. Fensterscheiben verziert und Menukarten geschrieben.

Die Stimmung an Weihnachten selbst blieb jedoch weiterhin trüb. Für mich war klar, dass meine Tante und meine alleinstehende Schwester Jahr für Jahr zu uns zum Fest geladen wurden. Sie erschienen im Doppelpack. Eine Dame einzeln einzuladen ging nicht. Zu zweit wurde jedoch wie bis anhin jedes persönliche Gespräch vermieden. Es war trotz 3 kleinen Kindern still bei uns an Weihnachten. Tante vertrug keinen Lärm und meine Schwester war neidisch auf mein Familienglück. Mein Mann und ich stritten uns vor und nach Weihnachten oft. Nach einem heftigen Wortaustausch liess ich meinen Liebsten wissen: Ich bin die ewige Streiterei mit dir in den Tagen der Besinnung leid. Obwohl auch ich liebend gerne ohne die beiden Damen Weihnachten feiern würde, bringe ich es nicht übers Herz, sie nicht einzuladen. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Ich fürchte, dass sie sich von uns abgelehnt und ausgeschlossen fühlen. Nächstes Jahr kannst DU Weihnachten organisieren.

Ende November des besagten Jahres schrieb ich Schwester und Tante, dass in diesem Jahr bei uns das obligate Weihnachtsfest nicht stattfinden würde. Mein Mann wäre für die Organisation zuständig, ich und die Kinder würden uns überraschen lassen. Ich legte einen Adventkalender bei und wünschte frohe Festtage.

Postwendend erhielt ich von meiner Schwester eine Karte:                       

Liebes Schwesterherz
wie habe ich mich über deine Weihnachtskarte gefreut. Bereits seit Wochen versuche ich Worte zu finden um dir mitzuteilen, dass ich an Weihnachten lieber mit Müeti zu Hause bleiben möchte. Weisst du, es ist grundsätzlich eine Wohltat, unter Menschen zu sein. Dich Jahr für Jahr mit deinem Mann und den Kindern glücklich zu sehen, schmerzt an Weihnachten besonders. Ich fühle mich in diesen Tagen in Gemeinschaft mit dir und deiner Familie einsamer als wenn ich alleine bin.

Ich war sprachlos ob diesen Worten. Auf alles war ich gefasst gewesen: Auf Tränen, Trotz und Unverständnis. Nicht aber auf Dankbarkeit. Und so kam es, dass ich nach vielen Jahren in Neuenburg am See den lang ersehnten Weihnachtsfrieden erlebte. Bei offenem Feuer, Suppe, Brot und einer kalten Nasenspitze vernahm ich die Stimme der Engel die mir und meiner Familie zujubelten: Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren.

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