„Mama, was ist mit der Weihnachtsgans? “

Beatrice Stössel, 10.12.2018

„In vier Wochen ist Heiligabend, da müssen wir uns sofort über das Weihnachtsmenü und den Wein unterhalten. Hermine, was hältst du von einer Weihnachtsgans?“ Vaters Augen glänzten bei der Vorstellung des Weihnachtsbratens und des Rotweins. „Oder einen schönen Osso buco mit Safran Risotto“, fuhr er fort. „Und Erbsli mit Rüebli“, ergänzte Klein-Rosmarie. „Wir müssen in erster Linie mit den Bastelarbeiten beginnen. Die Kocherei hat Zeit“, gab Mama zu bedenken.  „Oder wie wäre es mit schönen Kottelets, dazu Pommes frites?“ „Oh ja und Schokoladencrème zum Dessert “, jubilierte das Schwesterherz. „Ihr könntet Briefpapier bedrucken mit einem Kartoffelstempel“, unterbrach Mama das Gerede um die Menüpläne.

So nahm die Adventszeit ihren Lauf. Die Plätzchen waren gebacken. Die Geschenke gebastelt und hübsch verpackt, warteten darauf ihren Platz unter dem Baum einzunehmen. Die Weihnachtsspannung wuchs, denn der Salon, das Zimmer welches nur an Sonn- oder Feiertagen zum Einsatz kam, war seit einer Woche verriegelt. „Das Christkind bereitet das Fest vor“, antwortete Mama auf Rosmaries endlose Fragen, die nicht begreifen konnte, wieso das Zimmer verschlossen war. Im Gegensatz zu mir glaubte sie noch ans Christkind und legte jeden Abend eine neue Wunschliste aufs Fenstersims. Ich hingegen fahndete nach dem Schlüssel für den Salon, denn es nahm mich zum Kuckuck wunder was sich hinter der verschlossenen Türe verbarg. Doch wo immer ich suchte, der Schlüssel blieb verborgen. Im Salon gab es ein wirkliches Weihnachtsgeheimnis.

Dann war er da – der Heilige Abend! Aus der Küche duftete es nach Weihnachtsgans, das Radio spielte: „Leise rieselt der Schnee...“, draußen regnete es in Strömen, die weiße Weihnacht wurde gerade weggespült!„Können wir jetzt endlich die Geschenke auspacken?“ Rosmarie stürmte ohne Unterlass. „Wo denkst du hin? Zuerst wird gegessen!“ Bei diesen Worten zupfte Papa an seiner Krawatte und Mama erschien im kleinen Schwarzen aus Samt und sah wie immer hinreißend aus. Lustlos trotteten wir Kinder hinter Papa ins Esszimmer und Mama verschwand in der Küche.

Doch dann, kaum hörbar, klingelte es. Das Weihnachtsglöckchen...! Mama kam zurück und fragte: „Habt ihr es auch gehört, das Glöckchen?“ Nun gab es kein Halten mehr, Rosmarie und ich stürmten ans Ende des Korridors und siehe da die Salontüre stand weit offen. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten. Die Kugeln widerspiegelten ihr Licht, die Geschenke lagen unter dem Baum. Mein Herz machte einen Freudensprung, ich konnte mich am Christbaum kaum sattsehen.

„Uiiii, äs Klavier!“

Rosmarie riss mich aus meiner Betrachtung und nun sah ich es auch, an der langen Wand stand ein Piano. Sofort öffnete sie den Deckel und drückte wie wild auf die Tasten.„Nicht so laut Kinder“, mahnte Mama. Ich war ja ganz ruhig, außer meinem Herz, das laut pochte vor Freude. Papa fuhr ehrfürchtig über die Tasten und jetzt setzte sich Mama ans Instrument. Aber sie kann ja gar nicht spielen, schoss es mir durch den Kopf. Doch sie legte die Hände auf die Tasten, wobei sie diese genau am Schlüsselloch in der Mitte ausrichtete. Die Linke unterhalb, die Rechte oberhalb, dann drückte sie die Tasten und es klang himmlisch. Klar, es war ja Weihnachten. Mama drückte weiter und allmählich erkannte ich die Melodie. „Stille Nacht“, stotterten ihre Finger zusammen. Papa stimmte mit seinem Bass mit ein. Wir sangen inbrünstig und von Mama - nach den Anfangsakkorden nur noch einhändig - aber immerhin auf dem Klavier begleitet „Stille Nacht“. Meine Schwester eilte im Takt weit voraus. Sie visierte bereits die Geschenke an und war schon bei der „himmlischen Ruhe“ angelangt, während wir noch „den Knaben im lockigen Haar“ stimmlich ehrten. „Kann ich jetzt das Päckli aufmachen?“ Sie stürzte sich auf das größte Geschenk, doch das war für Papa. Er reichte Mama feierlich das Kleinste und mir war sofort klar, dass es das Wertvollste sein musste. Soviel hatte ich gelernt. In kleinen Paketen verbarg sich meist etwas Edles und in großen etwas Flüssiges. Die längliche Schachtel war für Rosmarie und blieb nicht mehr lange ein Geschenk, denn sie zog zügig das Weihnachtspapier ab und jubelte: „Mis Bäbi.  Sie riss die Puppe mit den langen Zöpfen aus dem Karton und öffnete ihr gleich die Haare.  „Diä muäs mä strähle“, entschied sie und griff nach dem Kamm. Ich streichelte stumm die Klaviertasten. Papa studierte die Etikette der Weinflasche. „Ein sehr edler Tropfen! Den gönnen wir uns heute Abend.“ Und Mama liess den Goldreif über ihr Handgelenk gleiten und bestaunte ihren Arm. „Jetzt küssen sie sich gleich“, kicherte meine Schwester. Und so war es. Meine Eltern küssten sich nur an Geburtstagen, Weihnachten und zum Neujahr! Heute war Weihnachten und es duftete.....

.... Es duftete nicht nach Weihnachten! Nein,  es roch beißend und eine Rauchschwade schlängelte sich in den Salon. „Mama, was ist mit der Weihnachtsgans? “, warf ich ein. „Um Gottes Willen, die ist noch im Ofen.“ Sie eilte in die Küche. Dort war alles  schwarz, so schwarz wie ihr kleines Schwarzes und roch arg verbrannt. Die Fenster wurden aufgerissen, die Kerzen am Baum ausgeblasen. Die Weihnachtsgans verpuffte ihre letzten Gase auf dem Küchenbalkon. Papa und Rosmarie saßen bekümmert im Salon. Dort stank es am wenigsten nach verbranntem Geflügel. Papa trauerte der Weihnachtsgans nach und das Schwesterherz klagte: „Ich habe Hunger.“ Die Beiden staunten nicht schlecht, als Mama, die Küchenschürze über das kleine Schwarze gebunden, wieder im Salon erschien.  Triumphierend stellte sie den Suppentopf  auf den Tisch. Darin schwammen heiße Wienerwürstchen und ich folgte mit Brot, Senf und einem Humpen Bier für Papa. Das Weihnachtsmenü schmeckte uns vorzüglich. Dieses Fest ging in die Geschichte der Familie H ein. Alle Jahre wieder, wenn das Weihnachtsmenü besprochen wurde besannen wir uns darauf, und seither musste nie wieder eine Weihnachtsgans für unsere Feier ihr Leben lassen.

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