Mit bald 50 Jahren auf dem Buckel

Gaby Kratzer, 24.06.2018

Liebe Julia

Meine Hormone tanzen scheinbar gerade Rock’n’Roll oder noch viel verrückter, einen phänomenalen Boogie-Woogie. Ich kriege nichts auf die Reihe, habe schlechte Laune, immer mal wieder, und finde die Welt grad echt blöd. Ich schlafe nicht mehr durch (es ist nicht Vollmond) und nun fehlt nur noch, dass ich mich in Depressionen versinken lasse und mich drei Tage nicht mehr auf die Strasse wage. Es tut mir auch leid,….irgendwie. Aber es sieht so aus, als müssten wir dieses Mal auf meinen Text verzichten. Sozusagen also schade. Was ist bloss los mit mir? Ich kenne dieses hin und her in mir gar nicht. Eine Art Zerrissenheit. Das Weinen oft näher als das Lachen. Früher, in meiner Jugend, da war es so ähnlich. „Nah am Wasser gebaut“, lachte mein Bruder jeweils, wenn ich wieder in Tränen ausbrach wegen einer Kleinigkeit. Aber wir haben auch viel gelacht - auch wegen jedem Mist. Da erinnere ich mich gerade wieder an den Jungen, zwei Klassen weiter oben. Der war echt ganz schön heiss. Der hat mir total den Kopf verdreht, und dass ohne es zu wissen. Er war so ein Rabauke und Tunichtgut. So gar kein Schwiegersohntyp. Eben, genau so einer, dem mein Vater sofort wieder die Türe vor der Nase zugeschlagen hätte, wäre er denn jemals überhaupt vor der Türe gestanden. Daniel wäre nie auf die Idee gekommen bei mir an der Türe zu klopfen geschweige denn überhaupt in deren Nähe zu stehen. Er kannte mich ja gar nicht. Also erst nicht. Bis ich in der Mensa den Schulranzen am Boden nicht gesehen habe und darüber stolperte. Hätte ich meinen Multivitaminsaft nicht direkt Daniel in den Schoss gegossen, würde er mich bis heute nicht kennen. Er fand es etwas uncool. Dies hat er mir auch lautstark zu verstehen gegeben. Heissssss war er trotzdem. Damals haben meine Hormone schon verrückt gespielt. Mal weniger, mal mehr. Teenager halt und in der Pupertät und all die vielen Geschichten dazu.

Und heute, mit bald 50 Jahren auf dem Buckel, machen die Hormone wieder so einen Aufstand. Den Tanzstil habe ich noch nicht herausgefunden, weil der geht von langsam, schnell, hüpfend und meistens wechselnd im Stil. Diese in mir aufsteigende Hitze und nicht, weil ich einen heissen Typen sehe, sondern einfach so, auch ohne besonderen Grund. Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Ich kann dir sagen, ja, es ist schon so spät und der Zahn der Zeit nagt. Meine Devise ist aber: Nicht jammern und wie es schon Anita Weyermann, 1997 beim 1500-m-Final der WM in Athen, auf den Punkt brachte: „Gring ache u seckle!“. Manchmal braucht es ein paar Ellbogen, um dem Ziel näher zu kommen. Also mache ich mich auf den Wechseljahr-Weg und lasse mich nicht unterkriegen. Niemals.

Somit danke ich dir für dein Verständnis und freue mich auf jeden Tag, egal ob schwitzend oder nicht.

Ganz liebe Grüsse von Herzen

Gaby


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