Seifenblasen

Benita Batliner, 14.08.2018

Benita Batliner
Benita Batliner

Es klingelt an der Haustüre. Auch das noch! Als ob ich für sowas Zeit hätte, wo sich auf meinem Schreibtisch die Pendenzen stapeln, ganz zu schweigen von jenen, die noch in der Warteschleife in meinem Kopf ihre Runden drehen. Es klingelt wieder. Ich spucke einen Fluch aus, stemme mich vom Stuhl hoch und eile die Treppe hinunter. Das ist sicher wieder so ein Student der selbstgebasteltes Zeug verkaufen will, das niemand braucht. Den werde ich schnell abwimmeln. Dass die auch immer wieder zu meinem abgelegenen Haus finden. Ich reisse die Türe auf und blicke in ein strahlendes Lächeln.

„Guten Tag“, sagt der Mann mittleren Alters. Definitiv kein Student.

„Hm“, brumme ich, „ich kaufe nichts. Sparen Sie sich die Mühe, ich hab’ viel zu tun. Auf Wiedersehen und schönen Tag noch.“

Ich will ihm die Tür vor der Nase zuknallen, aber er ist schneller. Während ich meine Unhöflichkeiten auf ihn loslasse, zückt er ein Seifenblasendöschen, zieht den Kolben heraus und bläst völlig unbeeindruckt von meinen Worten eine Seifenblase durch den kleinen Ring.

„Seifenblasen? Echt jetzt?“ Schwankend zwischen Ärger und Faszination beobachte ich, wie die Blase immer grösser wird, auf mich zu schwebt und mich umhüllt wie ein Kokon. Plötzlich fühle ich mich leicht. Ein tiefer Friede durchrieselt mich. Meine Schultern senken sich, ich atme tief aus, und ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Alle „Sollte“ und „Müsste“ entschweben in einen diffusen Hintergrund. Nur der Moment zählt und was der Mann mir sagen will. Er grinst mich noch immer breit an.

„Nehmen Sie sich Zeit“, sagt er mit einer Stimme wie Akazienhonig. Er erzählt von Zeitblasen, die dieses Gerät erschafft und ihrer Wohltat für Körper und Geist. Und natürlich für die Seele. Für die ganz besonders. Ich kann wählen, sagt der Mann, wofür ich die Zeitblasen nutzen will. Er lädt mich ein, einzutauchen in das Meer von Möglichkeiten, welches die Zeit ist wenn wir die Linie verlassen, auf die wir sie in unserer Vorstellung pressen. Sie ist nämlich keine Linie, erklärt der Mann, sie ist überall, immer und gleichzeitig. Ich kann die Zeit dehnen und ziehen und verdichten, ganz wie es mir beliebt und wie ich es gerade brauche.

„Sie haben Termindruck? Verlassen sie die Zeitlinie in einer Blase ihrer Wahl, sei es eine Auszeit in Form eines Spaziergangs, ein Nickerchen, oder dehnen Sie die Zeit, damit sie in Ruhe ihre Arbeit beenden können, ohne von der Uhr gejagt zu werden. Schieben Sie beliebig viele Zeitblasen in ihren Tag, um all das zu tun, oder eben einmal nicht zu tun, was Sie sich wünschen.“

Der Mann sticht mit dem Finger in die Seifenblase, die mich umhüllt. Sie platzt. Plötzlich erinnere ich mich an meine Aufgaben, an all die „Sollte“ und „Müsste“ die über und hinter  und in mir lauern. Aber der Druck ist weg. Ich lächle selig. Ich habe Zeit.

Eins ist mir klar geworden in dieser Blase, während der Mann zu mir sprach: Die Welt dreht sich weiter, egal was ich tue oder nicht tue. Aber was ist mit meinem Leben? Meinem Wohlgefühl? Mit den Dingen, die mir wirklich wichtig sind? Die werden von all den „Sollte“ und „Müsste“ von der Zeitlinie herunter geschubst. Mit diesem Seiltanz ist jetzt Schluss! Ich will so ein Ding haben!

„Was kostet so eine Dose?“, frage ich den Mann und strecke meine Hand danach aus.

Der Mann hebt seinen Zeigefinger und schüttelt den Kopf.

„Nein, verehrte Dame, ich verkaufe keine Zeit. Das geht nicht. Sie ist viel zu kostbar.“

Er überreicht mir eine Dose Seifenblasen und seine Visitenkarte.

„Nehmen Sie!“, fordert er mich auf. „Zeit ist ein Geschenk.“

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen