Zeit - wo bist du?

Veran Lüthi, 14.08.2018

Wie jeden Morgen, reisse ich ein Blatt vom altmodischen Tageskalender, der immer noch in meinem Arbeitszimmer hängt, von der Familie mitleidig als Steinzeitmarotte belächelt. Heute ist ein hüpfendes Mädchen gezeichnet mit der Sprechblase „Nimm dir Zeit für dich“.                    

Nicht schlecht, nicke ich dem Bild zu, schiele jedoch zweifelnd auf den übervollen Schreibtisch.

 „Schatz“, funkt mein Mann zwischen meine Gedanken, „ich suche das Handy!“

„Auf dem Küchentisch“.

Ich könnte ja am Nachmittag ins Thermalbad, einfach so für mich.

Mit einem flüchtigen Kuss und einem „bis heute Abend, Süße, ich bin spät dran“, ist er weg.

An die Arbeit, denke ich, also Computer an, Mailprogramm auf!

„Mama, bring mir eine Rolle WC-Papier…“tönt es aus dem Obergeschoss.

Jetzt beantworte ich schnell noch dieses Mail. Der liebe Lukas sitzt schon so lange auf dem WC, da kommt es auf zwei Minuten auch nicht mehr an!

Kaum beginne ich zu schreiben, stürmt meine Tochter ins Büro: „Mama, flechte mir bitte noch einen Zopf. Ich hab‘s eilig.“

„Warte Chantal, bin gleich fertig, bring du unterdessen deinem Bruder eine neue WC-Rolle.“

„Sicher nicht, diesem Arsch…“

„Keine WC-Rolle, kein Zopf!“

„Mama, ich lass mich doch nicht erpressen! Tschüss.“

Als Nächstes höre ich, wie die Haustüre empört bebt, als sie schwungvoll zugeschlagen wird.

„Mama, WC-Papier…..“

„Jaaaa. Ich komme.“ Zeit, nimm dir Zeit, ha, wo ist sie denn, hier auf jeden Fall nicht, oder kichert sie etwa hämisch hinter dem Sofa hervor? Spielt Verstecken mit mir?

Ich eile seufzend zum Putzschrank, hole eine Rolle WC-Papier, um meinen Sohn zu erlösen. Es klingelt.

„Guten Morgen Frau Fischer, kann ich waschen, wenn Sie fertig sind?“ Die Nachbarin.

Oh Gott, waschen, klar, auch noch! Nur wann?

„Ja, ja, ich klingele, wenn ich durch bin.“

„Mama!“ schreit es verzweifelt aus der Toilette. Das Schlechte-Mutter-Gewissen meldet sich. Ja, jetzt kommt Lukas an die Reihe. Ich schnappe die WC Rolle, um den Sohn zu erlösen.

„Ich habe keine Zeit mehr“ raunt er mir entgegen.

Und meine?

Aber da ist sie ja, meine Zeit, Lukas spült sie gerade das WC runter!

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