Zum 1. August 2018

JuliaOnken, 01.08.2018

Heute ist ein grosser Tage! Und eigentlich hätten wir guten Grund zur Freude. Denn schliesslich blicken wir auf eine sehr erfolgreiche Zeit zurück, auf die ältesten Demokratie, die seit 18 48 als Bundsstaat mit 26 Kantonen zusammengeschlossen ist. Die Schweizerischer Eidgenossenschaft, 1291 gegründet, darf sich sehen lassen, wir könnten also einfach zufrieden sein, die Hände in den Schoss legen und sagen: Danke uns geht es gut. Verglichen mit anderen Staaten, in direkter Nähe mit unseren deutschen Nachbarn, trifft dies ja auch tatsächlich zu.

Dennoch, vielleicht geht es Ihnen auch so, wie mir, gelegentlich, vor allem nachts, befallen mich beunruhigende Gedanken. Die Zeit, wo nationale Probleme nicht mehr an der Grenze haltmachen, sondern sich wie unsichtbare Keime überall hin schleichen, ist definitiv vorbei. Es kann uns nicht mehr unbeeindruckt lassen, was in der Welt geschieht, auch wenn es sich nicht direkt vor unserer Haustüre abspielt.

Ich erinnere mich noch gut, im Anschluss an die 68er Jahre der Rebellion, wie sich ein empörter Songtext an die Protagonisten der erwachsenen Welt richtete – und ich gestehe, ich habe damals nicht alles begreifen können, aber allmählich dämmert es mir. Der Text lautete (1): Was habt ihr nur aus dieser Welt gemacht!

Diese Erde war ein Garten
Die Menschen waren Brüder
Und die Luft wie Samt und Seide
Und alles Wasser
War wie Kristall so klar

Doch dann baute man nur Mauern
Und brannte sie dann nieder
Und die Luft war voller Blitze
Habt ihr vergessen
Wie früher alles war?

Diese Erde war voll Liebe
Sie sollte uns gehören
Ob wir Schwarz sind oder Weiß sind
Das sollte gleich sein
Es gab nicht "arm" und "reich"

Doch der Garten wird zur Wüste
Hört auf, ihn zu zerstören
Ihr zerstört euch doch nur selber
Bald wird's zu spät sein
Besinnt euch jetzt und gleich!

Gehen wir noch etwas weiter in der Zeitgeschichte zurück, anfangs der 20iger Jahre formulierte es Rainer Maria Rilke in folgenden Worten, die heute aktueller sind, denn je (2):

Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot isst und einen Apfel?
Ja, es ist möglich!
Ist es möglich dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist?
Ist es möglich dass man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so dass es aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ist es möglich dass die ganze Weltgeschichte missverstanden worden ist?
Ja es ist möglich!

Was sollen wir tun? Asche aufs Haupt streuen? Jammern und klagen, und in den Chor der Pessimisten und Pessimistinnen einstimmen, dass alles furchtbar, elend und schlecht sei?

Oder einfach nachdenken, umdenken, Denkmuster hinterfragen, alte Denksysteme, die sich wie Autobahnen in unserm Hirn eingenistet haben, aufsprengen und neue Denkpfade anlegen?

Denken wir zuerst über unsere Ressoursen nach:

Dieses Land trägt keine Wunden aus Kriegen, ist nicht gebeutelt von Wiederaufbau, die Biografien der meisten Menschen sind nicht gezeichnet von schmerzlichen Verlusten und Kriegserfahrungen!

Wir alle, die hier seit Jahrzehnten leben, tragen die Zeichen der Friedenserfahrung in ihren Zellen: Das sollte uns nicht nur stolz sondern auch stark und mutig machen.

Denn es gibt noch viel zu tun, dringende politische Brennpunkte, die es zu bewältigen gilt:

1. Einen Umgang mit Einwanderung und Flüchlingspolitik zu erarbeiten, der nicht nur eindimensional in eine Richtung zielt. Denn dazu gehört zwingend das Thema Gleichberechtigung. Ich bin mir bewusst, dass diese Verknüpfung ein heisses Thema ist. Dennoch muss daran gedacht werden, wenn Menschen aus patriarchalen Kulturen zu uns kommen, Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Mann und Frau Fremdworte sind. Mein Aliegen ist es, dass Gleichberechtigung für alle Frauen in diesem Land gilt, unabhängig ihrer Nationalität. Wenn alle Frauen an sämtlichen Rechten partizipieren, das heisst unabhängig und selbstbestimmt über ihr Leben bestimmen, besteht immerhin eine Chance, dass sie sich respektiert fühlen und es ihnen gut geht. Wenn es den Müttern gut geht, geht es den Kindern gut, wenn es den Kindern gut geht, werden sie einst selbstdenkende, verantwortungsvolle Erwachsene.

2. Ebenso gilt es, der Jugend sorge tragen.  Wenn die Bedürfnisse der Jugend ernst genommen werden, wird sich in der Pubertätsphase die aufbrechende Energie nicht in Destruktivität und Gewalt verwandeln sondern wird in Aufbau und Gestaltungswille umgesetzt: Dazu sagt die Philosophin Jeanne Hersch (3):

"Das tiefste Bedürfnis der Jugend ist das Bedürfnis nach einem richtigen Vater, nach einer richtigen Mutter. Keine Kameraden, sondern Eltern. Ein richtiger Vater, eine richtige Mutter, deren Liebe und Schutz bedingungslos ist und deren Autorität unerschütterlich ist. Sie brauchen Lehrer oder zumindest einen Lehrer/Lehrerin, dessen Wort wahr ist, dessen Fordern freundschaftlich und ohne Zorn, dessen Engagement ihnen gegenüber eindeutig und vorbehaltlos ist. (...) Je seltener diese Väter, Mütter und Lehrer werden, desto dringender brauchen sie ein Gerüst konstanter gesellschaftlicher Formen, eindeutiger Regeln, sicherer Institutionen, damit sie sich orientieren können, damit sie einen Bezugsrahmen haben und spüren, dass sie einen Ort für sich haben, dass sie ihren Ort in einer Welt haben, dass sie nicht irgendwohin geworfen sind."

Und damit landen wir wieder bei uns selbst, jeder und jede an dem Ort, wo es diese Aufgaben zu erfüllen gilt.

Abschliessend noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die Menschen erreichen immer ein höheres Lebensalter. Wir sprechen von Ueberalterung und übersehen, den Wert, der darin enthalten sein könnte. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war soviel Erfahrungswissen, Erfahrungskapital und Weisheit vorhanden! Noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es einen derartigen Reichtum an gesammelten Wissen. Statt dieses Wissen zu missdachten, könnten wir dieses gigantische Kapital nutzbar machen, ältere Menschen zur beruflichen und persönlichen Beratung beiziehen, zum Coaching, Mentoring usw.

Ich habe keine Patentrezepte. Ich kann lediglich auf jene Denkstrategien aufmerksam machen, die in einer Sackgasse enden. Deshalb soll Schluss sein mit parteipolitischer Ideologie – weder links noch recht, weder schwarz noch weiss, Lösungen finden sich in den Zwischentönen. Sich das Recht nehmen, selber zu denken, ungewöhnlich Denkpfade zu entdecken, querdenken – gegen den Strom schwimmen lernen, zu diskutieren, zu debattieren, mitmischen und mitentscheiden wollen – ja, und auch zu streiten. 

Wo denn sonst, kann das umgesetzt werden, wenn nicht hier?

In diesem demokratischen Land, einem Land, das für Frieden und Freiheit steht!

Ja, es ist möglich, aus der Geschichte zu lernen!

Ja, es ist möglich, Denkgefängnisse zu sprengen!       

Ja, es ist möglich, Dankbarkeit für sein Land zu entwickeln!

Ja, es ist möglich, Demokratie in der eigenen Psyche zu verankern!

Julia Onken




(1) Song von Su Kramer, was habt ihr nur aus dieser Welt gemacht

(2) Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910

(3) Jeanne Hersch, Das philosophische Staunen: Einblicke in die Geschichte des Denkens 

 
 

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