Vom Zahn der Zeit

Julia Onken, 09.08.2018

Einer der letzten Hitzetage bescherte mir eine Begegnung der besonderen Art.

Da die Kasse im Supermarkt den Geist aufgab, staute sich davor eine lange Schlange. Ich stand mitten drin. Dicht neben mir befanden sich zwei Männer in kurzen Hosen und bluttem Oberkörper, der eine sehr jung, der andere im Seniorenalter – beide mit reichlichen Tattoos dekoriert. Da ich selten die Gelegenheit hatte, derartige Kunstwerke von nah zu betrachten, packte ich die Gelegenheit beim Schopf: „Stört es Sie, wenn ich Sie anstarre?“ fragte ich, „Neenee, kein Problem“ kam freundlich zurück.

Und damit startete die äusserst interessante Führung durch unterschiedliche Körperregionen. Beide Herren waren sehr gesprächig und auskunftsfreudig, wie das etwa bei Sammlern von Raritäten zu beobachten ist und erklärten bereitwillig die  Zeichen und Symbole. Auch die Bedeutung eingravierter Namen ehemaliger Geliebten und dass Lola sauwütig solange gestänkert hätte, bis er Silvie auf Silv(e)ester umtätowieren liess.

Dann aber machte mich etwas stutzig. Ich sah, dass sich die Strichführung beim Senior nicht mehr gestochen scharf präsentierte. Ob da etwa die Farbe etwas verblichen sei, wollte ich wissen. Nein, das habe damit nichts zu tun, sondern mit seinem Alter und zeigte auf ein nicht genau definierbares Tierbild, das sich schräg über die untere Rückenpartie bis zum inneren Oberschenkelbereich hinunter schlängelte. „Schauen Sie, das war mal ein stolzer feuerspeiender Drache, jetzt ist es eine etwas gehbehinderte, kotzende Eidechse!“ „Ja, schade“, sagte ich betroffen, denn direkt neben dem Gemächt verkroch sich der Feuerstrahl in einen gekräuselten Faltenwurf.

Dann funktionierte die Kasse zu meinem Bedauern wieder.

 

 
 

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